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Heiri Meier – Ein Abschied auf leisen Sohlen

Nachruf
Claudia Schmid
Heiri Meier (Bild: Facebook)

Heiri Meier (Bild: Facebook)

Das Linsebühlquartier hat einen seiner bekanntesten Bewohner verloren. Heiri Meier ist Mitte Januar für alle unerwartet in seinem Zuhause verstorben. Er wurde 72 Jahre alt. Der Schuhmacher, der an der Linsebühlstrasse 25 arbeitete und wohnte, war ein Lebenskünstler und eine Institution im Quartier. «Wenn der Heiri einmal nicht mehr da ist, muss die Stadt einen Sozialarbeiter mehr anstellen», wird ein alter Freund in einem Zeitungsartikel zitiert, der vor zwölf Jahren im St. Galler Tagblatt erschienen ist.

Heiri Meier wuchs mit zwölf Geschwistern in der Zentralschweiz auf, bevor die Familie nach Grub im Kanton St. Gallen zog. Wie sein Vater erlernte er den Maurerberuf, der ihn aber nie wirklich begeistern konnte. Er begann als Chauffeur und als Eisenleger auf dem Bau zu arbeiten, bevor ihn der Zufall zu jenem Beruf führte, den bereits sein Grossvater ausgeübt hatte. Bei Mister Minit in Zürich liess er sich als Schuhmacher anlernen, vervollständigte in verschiedenen Zweigstellen das Handwerk und übernahm schliesslich in St. Gallen eine Mister-Minit-Filiale. Sein grosser Traum aber war die Selbstständigkeit. Nachdem er ihn zuerst an der Rotachstrasse mit einer eigenen kleinen Werkstatt verwirklichte, mietete er sich 1983 an der Linsebühlstrasse 25 ein. Zwei Räume standen ihm fortan zur Verfügung, die er im Laufe der Jahre mit einem ansehnlichen Sammelsurium an Schuhmacherutensilien, Bildern, Objekten und Krimskrams bestückte. Im vorderen Raum arbeitete und ass er, der hintere diente als Koch- und Schlafstätte. Auf zwei Rechauds bereitete er sich grosse Portionen «Gehacktes» oder Bratwurst mit Kartoffeln zu. Im Sommer sass er oft bis spät in die Nacht vor seiner Werkstatt.

Ob Kunde, Nachbarin oder in Freundschaft verbundener Weggefährte – alle die man fragt, beschreiben Heiri Meier als geselligen, fröhlichen, manchmal kauzigen Menschen, der oft Humor und Schalk bewiesen habe. «Ich traf ihn mehrmals pro Woche beim Einkaufen in der Migros oder am Kiosk im Gebäude der Kursana. Er trug immer seine Lederschürze und Holzschuhe mit hohen Absätzen», erinnert sich eine ehemalige Nachbarin. Einmal habe er sie auf ihre Schuhe angesprochen. «Die hast du im Billigladen gekauft. Das höre ich am Klang der Sohlen. Da hast du dir nichts Gescheites angeschafft», habe er ihr beschieden. Ein langjähriger Kunde erinnert sich, dass er jeweils den Preis für seine Arbeit mit Kreide auf die Schuhsohlen schrieb. Die Kundschaft habe er mit feinhumorigen Sprüchen unterhalten. «An den Schuhen der reichen Leute erkennt man, dass viel Geld nicht vor Schweissfüssen schützt», habe einer davon gelautet. Die Schuhe habe Heiri Meier stets tipptop für einen günstigen Preis geflickt. Geärgert habe er sich über alle jene Leute, die ihre geflickten Sachen nicht mehr abgeholt hätten. Deshalb habe er Vorauszahlung eingeführt, die er dann aber doch nicht konsequent eingehalten habe.

Heiri Meier hatte oft und gerne Besuch aus dem Quartier in seiner Schuhmacherei. Von wöchentlichen Herrenabenden und Jassrunden berichten Bekannte, nach denen er am Folgetag nicht selten die Arbeit habe ruhen lassen. Gesellschaft leisteten dem Vater zweier erwachsener Kinder immer wieder Vögel, die durch die Werkstatt zwitscherten. Einen sprechenden Beo habe er besonders ins Herz geschlossen, erzählt ein Quartierbewohner.

Als im Jahre 2011 ein Journalist fragte, ob er nun mit 65 Jahren an die Pensionierung denke, verneinte der Schuhmacher. «Ich arbeite, bis ich vom Hocker falle. Oder zumindest solange es geht», hatte er ihm geantwortet. In letzter Zeit plagten ihn Herzbeschwerden. «Er hatte einen schönen Tod. Abends ging er ins Bett, morgens wachte er nicht mehr auf», sagt ein Bekannter. Das Linsebühlquartier nimmt heute Mittwoch, 31. Januar, um 14 Uhr in der Linsebühlkirche mit einer Abdankungsfeier Abschied von Heiri Meier.

Claudia Schmid

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