Heiraten auf der Bahnhofplatz-Baustelle

Gleisbauer in orangen Westen verlegen zwischen Rathaus und Restaurant Dufour die neuen Schienen der Trogenerbahn. Sie hämmern, bohren, zersägen den Asphalt. Es ist nicht gerade die Kulisse, die man sich für eine Hochzeit vorstellt. Doch es ist dieser Tage Realität.

Christina Weder
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Hochzeitsfoto vor der Baustellenabschrankung: Silvana und Roger Bösch haben am Freitag geheiratet. (Bild: Christina Weder)

Hochzeitsfoto vor der Baustellenabschrankung: Silvana und Roger Bösch haben am Freitag geheiratet. (Bild: Christina Weder)

Gleisbauer in orangen Westen verlegen zwischen Rathaus und Restaurant Dufour die neuen Schienen der Trogenerbahn. Sie hämmern, bohren, zersägen den Asphalt. Es ist nicht gerade die Kulisse, die man sich für eine Hochzeit vorstellt. Doch es ist dieser Tage Realität. Unmittelbar neben der Baustelle befindet sich das Zivilstandsamt im Rathaus. Dort werden an manchen Nachmittagen im Halbstundentakt Ehen geschlossen.

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Am Fusse des Rathauses wurde in den vergangenen Jahren manch frisch getrautes Paar von Freunden und Verwandten in Empfang genommen. Auf dem Trottoir liessen sie die Korken knallen. Heute führt dort die Baustellenabschrankung samt Sichtschutz vorbei.

Nichtsdestotrotz gibt es laut Willy Zimmermann, Leiter des Zivilstandsamts, noch immer Paare, die sich an dieser Stelle zuprosten. «Früher war es hier auch nicht romantischer», findet er. Da ratterte noch die Trogenerbahn vorbei, Fernbusse und Taxis machten halt, Reisende rollten ihre Koffer heran. «Es war auch nicht ruhig.»

Sowieso spiele die Umgebung für viele Paare nur eine zweitrangige Rolle, sagt Zimmermann: «Sie realisieren in diesem Moment gar nicht, was um sie herum läuft.» Während der neue Bahnhofplatz entsteht, schweben sie auf Wolke sieben.

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Doch alles hat seine Grenzen. Als im September die alten Gleise der Trogenerbahn herausgerissen wurden, wurde es auch dem Leiter des Zivilstandsamts zu viel. Tagelang hämmerte der Kompressor. Das wollte er den Brautpaaren nicht zumuten. Er ergriff die Flucht nach vorne – oder besser gesagt nach oben – und verlegte die Trauungen kurzerhand vom ersten in den zwölften Stock. Drei Wochen lang fanden sie nicht mehr im Trauzimmer, sondern im Stadtratszimmer statt. «Ein würdiger Ersatz», findet Zimmermann. Kein Wunder, kam das auch bei den Brautleuten gut an. Beim Ja-Wort lag ihnen die ganze Stadt zu Füssen.

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Unterdessen ist der Lärmpegel ein bisschen gesunken. Zimmermann ist in den ersten Stock zurückgekehrt. Und tröstet sich damit, dass der Baulärm Brautpaare offensichtlich nicht vom Heiraten abhält. Das belegt jedenfalls die Statistik. «Es läuft einfach gut», sagt er. Zudem müsse man in die Zukunft schauen. So blicken frisch getraute Paare beim Verlassen des Zivilstandsamts auf eine Visualisierung, die an der Baustellenabschrankung hängt, und erfahren, was Brautleute in ein paar Jahren erwartet: Im ehemaligen Bahnhofpärkli wird wieder ein kleiner Park entstehen. Wo heute Baumaterial lagert, sollen dereinst Bäume rosarot blühen. Es wird die perfekte Kulisse für einen Apéro sein – es sei denn, das Wetter spielt nicht mit.