Heimbewohner als Ideengeber

Normalerweise unterhalten sich Jugendliche nicht vertieft mit betagten Mitmenschen. Doch Schüler des gestalterischen Vorkurses haben genau dies getan. Die gesammelten Impressionen dienen ihnen als Motiv für ihre Bilder.

Alessia Pagani
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Im Gespräch mit den betagten Heimbewohnern des Notkerianums sammeln die Schüler Ideen für eine Ausstellung. (Bild: Hanspeter Schiess)

Im Gespräch mit den betagten Heimbewohnern des Notkerianums sammeln die Schüler Ideen für eine Ausstellung. (Bild: Hanspeter Schiess)

Für einmal herrscht Lärm und Durcheinander im Alters- und Pflegeheim Notkerianum im Neudorf. 19 Jugendliche drängen sich im engen Eingangsbereich. Einige sind still vor lauter Aufregung, andere freuen sich und sind aus dem Häuschen. Die 15- bis 19-Jährigen haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie studieren an der Schule für Gestaltung in St. Gallen. Und sie haben im Rahmen des einjährigen gestalterischen Vorkurses die Aufgabe erhalten, für das Notkerianum eine Ausstellung zu gestalten (siehe Zweittext).

Stricken, Familie und Kindheit

55 Schüler nehmen am Projekt teil. Im Alters- und Pflegeheim sollen sie einen Einblick in den Alltag der Bewohner bekommen. Den Schülern wurde im Vorfeld je ein Heimbewohner zugeteilt. In gemeinsamen Gesprächen sollen sie auf neue Ideen kommen und geeignete Motive für ihre Bilder finden.

Geredet wird über Hobbies wie das Stricken, über die Familie oder über die Kindheit. Doch die Gespräche sind nicht immer ganz einfach, wie eine 17jährige Schülerin bestätigt: «Ich hatte mich zwar vorbereitet und Fragen notiert, aber es kommt immer anders, als man denkt», sagt sie nach dem Treffen. Es seien schlicht nicht die gleichen Gesprächsthemen wie in ihrem Freundeskreis. Bei anderen Begegnungen haben die Schüler mehr Glück und erfahren viel Interessantes. «Ich musste fast weinen, als mir die Frau vom Zweiten Weltkrieg erzählt hat», sagt eine andere. Manche Bewohner geben sich wortkarg. «Manche wollen aber auch nicht mehr aufhören zu erzählen», sagt die Geschäftsleiterin des Notkerianums, Heike Hörler. Meist sei einfach nur der Einstieg schwer. Das war auch bei der erwähnten 17-Jährigen der Fall. Doch auch sie hatte nach dem Treffen Ideen für ein geeignetes Motiv.

Gute Erfahrungen gemacht

Die Bilder der Schüler sind Teil einer «Aufwertung» des Notkerianums. Die Aufenthalts- und Essbereiche des Heims werden nämlich bald renoviert. Bereits vor fünf Jahren zum 30-Jahr-Jubiläum des Heimes und zum 100-Jahr-Jubiläum des Partnerunternehmens Lindenhof hatten drei Klassen der Schule für Gestaltung Bilder gemalt. Jetzt hat Peter Frischknecht, Leiter des Ressorts Öffentlichkeitsarbeit, erneut bei der Schule angefragt. «Schon bei der ersten Zusammenarbeit haben wir gute Erfahrungen gemacht», sagt Geschäftsleiterin Hörler. Dass nicht alle Bewohner teilnehmen wollen oder können, sei klar. Die Motivation sei aber hoch gewesen. Natürlich seien sie vor den Treffen genauso nervös gewesen wie die Schüler, aber dass die Bewohner bei der ersten Zusammenarbeit zufrieden gewesen waren, habe ihre Bereitschaft zur Teilnahme verstärkt. Und auch die Schüler liessen sich auf das ungewöhnliche Projekt ein: «Zuerst war ich von der Idee überrascht», sagt eine Teilnehmerin. «Aber danach habe ich mich gefreut. Das sind Erfahrungen, die man sonst nicht macht.»

«Grösste Arbeit noch vor uns»

Mit dem Projekt will Hörler denn auch einen Raum schaffen für solche Begegnungen. «Wir neigen heute dazu, Ghettos zu bilden. Jugendliche hier und Ältere dort.» Das Projekt soll neben dem Output auch das Zusammensein fördern. Lehrgangsleiter Dominik Noger war von Neuem begeistert vom Projekt. Die Frage war nur, ob es zeitlich realisierbar ist. «Wir können nicht jedes Jahr solche Projektarbeiten machen», sagt Noger. Zumal die grösste Arbeit jetzt noch vor den Schülern liege: Die Ideen müssen gesammelt und anschliessend umgesetzt werden.