HAUSVERSCHIEBUNGEN: «Es kam fast nicht vom Fleck»

Die Villa Jacob ist nicht das erste Haus, das in der Stadt St. Gallen an einen neuen Standort gerückt wird. Dasselbe Schicksal ereilte vor fast 50 Jahren ein altes Bauernhaus bei der Kinderfestwiese. Die Hausbesitzerin erinnert sich.

Christina Weder
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Seit 46 Jahren steht das alte Bauernhaus am Höhenweg 36. So lange wohnt auch die Besitzerin darin. (Bild: Jil Lohse)

Seit 46 Jahren steht das alte Bauernhaus am Höhenweg 36. So lange wohnt auch die Besitzerin darin. (Bild: Jil Lohse)

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Karin Geiger erinnert sich vor allem noch an eines: «Es war stinklangweilig.» Vor 46 Jahren wurde ihr Haus am Rosenberg um 25 Meter verschoben. Sie schaute zu. Ja, sie hielt sich sogar zeitweise im Haus auf, während dieses vom Hätterenweg 1 an die neue Adresse am Höhenweg 36 gerückt wurde. Das Haus sei fast nicht vom Fleck gekommen, sagt sie: «Es ging unglaublich langsam vorwärts.» Die Verschiebung habe einige Tage gedauert – wie lange genau, weiss sie nicht mehr.

Bauernhaus war vom Abbruch bedroht

Das 350 Jahre alte Bauernhaus ist als Ganzes an den neuen Standort geschoben worden. Damit bildet es eine Ausnahme. Angelo Chemelli von der städtischen Baudokumentation bestätigt: «Das war nichts Alltägliches.» Ähnliche Bauvorhaben in der Stadt seien keine dokumentiert. Und es ­seien ihm auch keine bekannt – abgesehen vom spektakulären Vorhaben mit der denkmalgeschützten Villa Jacob bei der Autobahn­einfahrt Kreuzbleiche. Deren Verschiebung wird derzeit vorbereitet. Die Villa Jacob soll Platz ­machen für den Neubau des Marthaheims.

Das alte Bauernhaus von Karin Geiger, ein Riegel- und Strickbau, steht im Gegensatz zur Villa Jacob nicht unter Denkmalschutz. Es ist älter, weit weniger herrschaftlich und weniger schwer. Doch teilt es ein ähnliches Schicksal: Auch das Bauernhaus geriet einst durch andere Bauvorhaben in Bedrängnis. Um 1970 entstanden am Hätterenweg neue Einfamilienhäuser. Wie aus den Unterlagen der ­städtischen Baudokumentation hervorgeht, forderte damals ein Nachbar den Abbruch des ­Bauernhauses, das teilweise auf ­seiner Parzelle stand und einen minimalen Abstand zu seinem Neubau aufwies.

Karin Geiger kann sich nicht mehr erinnern, wer auf die ungewöhnliche Idee mit der Haus­verschiebung kam. Doch wurden damit zwei Probleme auf einen Schlag gelöst: Zum einen wurden die Parzellen sauber unterteilt, zum anderen wurde das alte Bauernhaus gerettet. «Ein Abbruch wäre sehr schade gewesen», sagt sie, während sie in der Stube in einem Lehnsessel sitzt. Sie steht kurz auf und holt ein altes Familienalbum hervor. Darin hat sie die Hausverschiebung mit Fotos dokumentiert.

Auf Schienen zum neuen Standort

Es war ein aufwendiges Vorhaben. Im Februar 1971 bekam ihr Mann grünes Licht von der Baubewilligungsbehörde. «Das Bauvorhaben gibt in baupolizeilicher Hinsicht zu keinen Beanstandungen Anlass», heisst es darin. ­Offenbar wurde ein ähnliches Verfahren wie bei der Villa Jacob angewendet. Der Boden des Bauernhauses wurde wie bei einer Crèmeschnitte entfernt, das ­Gebäude mit Stahlträgern ab­gestützt und schliesslich auf ­Schienen vorwärtsgestossen. Eine besondere Herausforderung wartete auf die Bauarbeiter. ­Karin Geiger erinnert sich: «Das Haus musste zwischen zwei Bäumen durch.» Dafür musste es zuerst gedreht werden, was auf den Fotos ersichtlich ist. Sorgen, dass bei der Verschiebung etwas schiefgehen könnte, hat sich Karin Geiger keine gemacht. «Nein, das ging ja so langsam vorwärts.»

In rund einem Monat steht die Verschiebung der Villa Jacob an. Sie wird zahlreiche Schaulustige anlocken. Und das, obwohl auch sie nur im Schneckentempo vorwärtskommen wird.