Hauptsache Vinyl – egal, was drauf ist

Ihr Schicksal ist besiegelt. Keiner der rund 80 Gäste in der Café Bar Treppenhaus in Rorschach hat ein Gebot für die Single «Dreaming» der amerikanischen New-Wave-Band Blondie abgegeben. Die Entscheidung «Hit or Shit» ist gefallen.

Linda Müntener
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Jolanda Riedener und Manuel Bärlocher haben hinter dem DJ-Pult im «Treppenhaus» Platten versteigert. (Bild: Linda Müntener)

Jolanda Riedener und Manuel Bärlocher haben hinter dem DJ-Pult im «Treppenhaus» Platten versteigert. (Bild: Linda Müntener)

Ihr Schicksal ist besiegelt. Keiner der rund 80 Gäste in der Café Bar Treppenhaus in Rorschach hat ein Gebot für die Single «Dreaming» der amerikanischen New-Wave-Band Blondie abgegeben. Die Entscheidung «Hit or Shit» ist gefallen. Jolanda Riedener, alias DJane Unholy Joly, tritt hinter dem DJ-Pult hervor. Sie hält die Vinyl-Single in die Luft, zerbricht sie und wirft sie achtlos auf den Boden. «Keine Gnade», sagt sie. Das Publikum grölt.

Zwei Franken für eine Platte

Zusammen mit Manuel Bärlocher, alias DJ Hairy Barry, hat Jolanda Riedener am Samstagabend im «Treppenhaus» zahlreiche Schallplatten aus ihrer Sammlung versteigert. «Hit or Shit» lautet der Titel der Veranstaltung. Entweder die Platte ist ein Hit und findet einen Käufer, oder sie ist eben Shit und wird vor Ort verschrottet. Die Plattenversteigerung der etwas anderen Art ging in St. Gallen schon mehrmals über die Bühne. «Dort haben die Leute einfach alles ersteigert», erinnert sich eine junge Frau. Die Gäste im «Treppenhaus» hingegen scheinen noch nicht so richtig warm zu sein. Für Beträge von zwei bis vier Franken kommen die ersten Schallplatten unter den Hammer – und entgehen damit nur knapp dem Schicksal der Blondie-Platte. Die Stimmung ist trotzdem ausgelassen, bei bekannten Hits stimmt das Publikum mit ein. Und spätestens als Riedener «Sugar Baby Love» von The Rubettes anspielt, schunkeln alle mit. Kein Wunder, wechselt die Platte zum stolzen Preis von zehn Franken den Besitzer. Auch Klassiker wie «Down Under» von Men at Work, Joe Cockers «Summer in the City» oder «It's a Sin» von den Pet Shop Boys sind «Hits» und werden verkauft.

«Doktor Schiwago» als Todsünde

Je später der Abend, desto kauffreudiger die Schallplattenfans. So findet schliesslich sogar die Filmmusik zum Drama «Doktor Schiwago» einen Käufer, eine der Todsünden in Jolanda Riedeners Schallplattensammlung. «Ich zahl hundert Stutz dafür, dass ihr die verschrottet!», ruft jemand aus dem Publikum. Zu spät. Und selbst für eine Platte, deren Interpreten nicht einmal die DJane selber kennt, wird zu später Stunde fleissig geboten. «Die ist von irgendeinem Pakistani», sagt sie ins Mikrophon, während die orientalischen Klänge das «Treppenhaus» beschallen. Dass diese Platte den Abend überleben wird, hätte sie wohl kaum geglaubt. «Das alte Zeug hat einfach einen gewissen Reiz», erklärt einer der Gäste, der sich überlegt, mit dem Sammeln anzufangen. Hauptsache Vinyl. Egal, was drauf ist.