Haudegen im Archiv

FCSG-Historie Erreicht der FC St. Gallen am Montag den Cupfinal, würde das Vereinsarchiv um ein Kapitel reicher. Das FCSG-Archiv ist eines der grössten und wichtigsten der Schweiz. Die Quellen erzählen von den schönen, aber auch unangenehmen Seiten im Profifussball. Eine erste wissenschaftliche Arbeit ist bereits erschienen.

Philippe Reichen
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Ein Vorgänger von Uli Forte und sein Team: Der englische Profitrainer John Reynolds (l.) trainierte den FC St. Gallen von 1912 bis 1914. (Bild: Hanspeter Schiess/Archiv FCSG)

Ein Vorgänger von Uli Forte und sein Team: Der englische Profitrainer John Reynolds (l.) trainierte den FC St. Gallen von 1912 bis 1914. (Bild: Hanspeter Schiess/Archiv FCSG)

Ivan Zamorano, Hugo Rubio, Armin Veh, Roger Hegi, Jörg Stiel: Sie alle haben für und mit dem FC St. Gallen Geschichte geschrieben – Tore geschossen, Treffer verhindert, Verletzungen erlitten, Geld verdient, Interviews gegeben und neben dem Fussball ein Privatleben geführt. Quellen wie Protokolle, Rechnungen, Matchberichte, Jubiläumsbücher, Fotoalben und Ansichtskarten erzählen über grosse Fussballabende, menschliche Schicksale und private Eskapaden. Auch das Umfeld des FC St. Gallen hat in den Quellen seinen Platz.

Es gibt Dokumente, die aufzeigen, wie Gönner und Sponsoren von der Seitenlinie her Druck aufbauen, damit der Trainer einen Spieler einsetzt. Ihre Absicht ist, über die Macht der Finanzen dafür zu sorgen, dass aus «ihrem» Fussballer ein Star wird.

Kein Fanarchiv

Fredi Hächler, der den Nachlass im Stadtarchiv St. Gallen bis zu seiner Pensionierung betreute, hat während seiner Arbeit vieles erfahren, aber darf keine Auskünfte geben. Er untersteht dem Archivgesetz, das die Quellen schützt.

Er sagt: «Es geht nicht nur um Geld.» Privatpersonen haben keinen Zugang, Wissenschafter hingegen schon, müssen aber ihr Forschungsinteresse offenlegen und in ihren Arbeiten sämtliche Personen anonymisieren. Zudem sind Absprachen mit den Verantwortlichen des FC St. Gallen und dem Stadtarchiv nötig.

Die Zürcher Historikerin Nadine Perego hat als erste Wissenschafterin das Archivmaterial gesichtet und für ihre an der Universität Zürich verfasste Lizenziatsarbeit genutzt (siehe Kasten).

Das historische Erbe des FC St. Gallen bezeichnet sie als «grossartig». Anhand dieses Archivs lasse sich die Schweizer Fussballgeschichte der letzten 100 Jahre wunderbar nachverfolgen. Der ehemalige FCSG-Spieler Eugen Mätzler hat mit seiner Mitte der 1980er-Jahre erschienenen Dissertation einen wichtigen Teil dazu beigetragen.

Für Trophäen kein Platz

Die ältesten Archivdokumente stammen aus dem Jahr 1880, die jüngsten sind 2000 gedruckt worden, als der FC St. Gallen die Meisterschaft gewann. Das Quellenmaterial wurde 2008 dem Stadtarchiv angeboten; denn als der Club den Umzug vom Espenmoos in die AFG Arena vorbereitete, musste für die historischen Dokumente eine neue Bleibe gefunden werden. Der Stadtrat setzte für den Aufbau des Archivs einen namhaften Betrag ein und schloss mit dem FC St. Gallen einen Vertrag ab.

Die Clubverantwortlichen lieferten 50 Bananenschachteln mit Materialien an, darunter eine üppige Trophäensammlung, für die im Stadtarchiv aber kein Platz war. Fredi Hächler sichtete Dokumente, ordnete und codierte sie schliesslich, um sie archivarisch zu erfassen und für die Recherche nutzbar zu machen.

Fredi Hächler, der sich als «kein grosser Fussballfan, aber sportlich interessiert» bezeichnet, hat sich vor allem mit den Jahren nach der Vereinsgründung beschäftigt und stellt in einem Privatdokument erste Thesen.

Er hat Belege gefunden, wonach eine Mannschaft des offiziell 1879 gegründeten FC St. Gallen bereits 1876, damals unter dem Vereinsnamen «Foot-Ball-Club St. Gallen», vereinsmässig Spiele bestritt. Zudem soll der FC St. Gallen nicht der als erster gegründete, sondern der älteste noch immer existierende Fussballclub der Schweiz sein.

Als ältesten Fussballclub der Schweiz vermutet Fredi Hächler den im Jahr 1860 gegründeten «Lausanne Football & Cricket Club», der um 1900 aufgelöst worden war. Im noblen FC St. Gallen spielten junge Kaufleute. Sie taten sich 1883 mit dem FC Celeriana zusammen, um als Verein überleben zu können. Es waren zahlreiche weitere Fusionen nötig, damit es den Fussballclub im 20. Jahrhundert überhaupt noch gab.

Spiele interessanter als Archiv

Haben die Thesen im aktuellen Umfeld des FC St. Gallen etwas ausgelöst? Fredi Hächler verneint. Das Interesse sei gering. Ein Punktgewinn im nächsten Meisterschaftsspiel sei wohl wichtiger als die Beschäftigung mit der Vergangenheit.

Fredi Hächler hat Ordnung ins Archiv des FC St. Gallen gebracht. (Bild: Hanspeter Schiess)

Fredi Hächler hat Ordnung ins Archiv des FC St. Gallen gebracht. (Bild: Hanspeter Schiess)

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