Hantieren mit dem Metzgermesser

«Heute kein Fussball»: Der ehemalige Tagblatt-Chefredaktor Gottlieb F. Höpli (gfh.) las am ersten spielfreien WM-Tag in der News Cafébar aus ebendiesem seinem Buch. Und hielt Wort.

Andreas Nagel
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Gottlieb F. Höpli zwischen Katja Fischer und Matthes Fleck. (Bild: Michel Canonica)

Gottlieb F. Höpli zwischen Katja Fischer und Matthes Fleck. (Bild: Michel Canonica)

Nichts ist bekanntlich älter als die Zeitung von gestern. Aber praktisch bleibt sie allemal, zum nasse Schuhe ausstopfen, als Unterlage oder der Klassiker: zum Fischeinpacken. Zu Dokumenten, die das Zeitgeschehen eingefangen und im Idealfall auch eingeordnet haben, werden Zeitungen erst wieder mit den Jahren. Futter für die Historiker, aber längst nicht nur.

15 Jahre lang, von 1994 bis 2009, stand Gottlieb F. Höpli – vielen bis heute als gfh. geläufiger – der Tagblatt-Redaktion vor, hielt die Zeit in zig Artikeln fest, ordnete ein, kommentierte. Seine Textsammlung «Heute kein Fussball… und andere Tagblatt-Texte gegen den Strom» (Besprechung Ausgabe vom 26. Mai) entbehrt nicht einer gewissen Eitelkeit. Doch ohne sie wäre mancher (nicht nur Höpli-)Text gar nicht erst entstanden.

Fussball-Fastentag verordnet

Der Buchtitel «Heute kein Fussball» darf als Programm gelesen werden. Höplis Programm. Er, der seiner Leserschaft am Vortag zur Fussball-WM 2006 einen «Fussball-Fastentag» verordnet hatte. Aus Protest gegen die Fussball-WM-Medienlawine und um mit «ein bisschen Abstinenz den Hunger auf die schönste Nebensache der Welt zu stimulieren».

Was womöglich sogar gelang. Am Medienhype um König Fussball hat sich in den letzten vier Jahren allerdings nichts geändert, im Gegenteil. «Heute kein Fussball» tut daher immer noch gut, auch zwischen zwei Buchdeckeln.

Trotzdem: Warum dieses Buch, fragte «focus»-Redaktorin Katja Fischer ihren ehemaligen Chef. Zum einen sei er von Freunden dazu aufgefordert worden, sagte Höpli.

Zum anderen sei es reizvoll gewesen, aus der Fülle an Material etwas Neues zu schaffen: «Ein bildender Künstler würde wohl von einer Installation sprechen.»

Gegen den Strom: Eine Masche?

Ob es nicht anstrengend sei, permanent gegen den Strom zu schwimmen, erkundigte sich die Journalistin. Vielleicht sogar eine Masche? «Wäre es das, wäre es anstrengend», entgegnete Höpli und verwies mit einem Augenzwinkern auf die «Weltwoche». Ein (Chef-)Redaktor müsse eine Meinung haben.

Das schaffe im Kurzfutter-Zeitalter den Mehrwert der bezahlten Zeitung. Und mit Blick auf seine bald 1000 «Salzkörner» fast schon entschuldigend: Auf 34 Zeilen sei nicht Differenzierung zu erwarten, sondern Zuspitzung.

Verzicht vor Kreativität

War es vor 15 Jahren einfacher als heute, Chefredaktor zu sein, wollte Matthes Fleck, der zweite Interviewer des Abends und aktueller Tagblatt-Co-Merker, wissen.

Höpli bejahte: Praktisch keine Gratismedien, keine Online-Konkurrenz und auch kein wirtschaftlicher Abschwung: «Es war kreativer damals, heute regiert der Verzicht.»

Schliesslich: Was macht den guten Journalisten aus? «Eine universelle Neugier und die Fähigkeit, sich immer wieder zu hinterfragen», befand Höpli. Denn Journalismus sei gefährlich wie ein Metzgermesser.

Gottlieb F. Höpli: Heute kein Fussball… und andere Tagblatt-Texte gegen den Strom, Appenzeller Verlag, 2010, Fr. 28.–