Handschriften mit Hilfe von Fachleuten entdecken

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Scharfrichter Es gibt Ausstellungen, zu deren Besuch man sich zwingen muss. Und auf den ersten Blick gehört jene der Vadianischen Sammlung und des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde im Stadthaus an der Gallusstrasse 14 in diese Kategorie. Sie besteht zur Hauptsache aus schönen alten Dokumenten, die in Vitrinen hübsch aufgereiht liegen. Ein zweiter Blick und das Gespräch mit den Fachleuten, die ständig in der Schau «Reformation findet Stadt» im Gewölbekeller anwesend sind, zeigt, dass es sich lohnt, sich auch auf diese Ausstellung zum Reformationsjubiläum einzulassen. Die Geschichten, die sich hinter den Dokumenten verbergen, sind alles andere als trocken.

Der Onkel des Scharfrichters wurde sein Nachfolger

Da ist beispielsweise die Anekdote des städtischen Scharfrichters, der zum Pazifisten wurde. Meister Conradt hörte 1532 einen Täufer predigen und schloss sich dieser – von der reformierten Stadtobrigkeit bekämpften – Bewegung an. Dafür gab er Amt und Besitz auf. Bemerkenswert ist, dass er seine Nachfolge gleich selber regelte: Er bat seinen Onkel Bernhard Anker von Lindau, der als Scharfrichter in Ulm amtete, nach St. Gallen, wo ihn die Obrigkeit kurz darauf als Nachfolger von Conradt einsetzte.

Es gehört ausdrücklich zum Konzept, dass in der Ausstellung permanent Fachleute der Vadianischen Sammlung und des Stadtarchivs anwesend sind. In ihren Erzählungen und durch an den Vitrinen abrufbare Audio-Beiträge werden die Schicksale «kleiner Leute» während der Reformation vor 500 Jahren lebendig. Daneben gibt’s Unterlagen, wie Vadian und ein Kreis von Gelehrten um ihn die Reformation nach St. Gallen brachte. Wer die Dokumente alleine erkunden will, kann dies anhand eines Ausstellungskatalog mit Beiträgen zu jeder Vitrine ebenfalls tun. (vre)

Reformation findet Stadt 28.10. bis 28.11.2017, offen: Di–Sa, 10.00–17.00/So, 11.00–17.00, Stadthaus Ortsbürgergemeinde