Den Geist der Piraten auffrischen

Seit fünf Jahren ist die Oberstufe Häggenschwil in privater Hand. Der Sonderfall hat sich etabliert. Die Gemeinde feiert die damalige Solidarität, auf die sie noch heute angewiesen ist.

Noemi Heule
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Die Häggenschwiler Piratenflaggen hängen heute zur Erinnerung im Dorf. (Bild: Reto Martin (9. November 2010))

Die Häggenschwiler Piratenflaggen hängen heute zur Erinnerung im Dorf. (Bild: Reto Martin (9. November 2010))

Einäugig, mit Augenklappe und rotem Kopftuch blickten die Totenköpfe von Hausfassaden, Balkonen und Strassenlaternen in Häggenschwil. So einfach, das sollten die Piratenflaggen den «Paragrafenreitern» des Kantons signalisieren, liessen sich die Häggenschwiler ihre Oberstufe nicht wegnehmen. Heute, über fünf Jahre später, werden die Flaggen entstaubt und neu entrollt. Allerdings nur um der Erinnerung ­Willen.

Die Gemeinde feiert das fünfjährige Bestehen der privaten Oberstufe. Gemeinderat und Schulrat wollen mit dem Anlass die damalige Solidarität in der Bevölkerung wieder aufleben lassen. «Wir brauchen sie auch weiterhin», sagt Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring. Denn nur wenn sich die Häggenschwiler auch in Zukunft hinter das Projekt stellten, könne die Oberstufe langfristig überleben.

«Talsohle» bald durchschritten

Momentan allerdings sieht es für die kleinste Oberstufe des Kantons gut aus. Der Vertrag mit der «SBW Haus des Lernens» in Romanshorn, welche die Schule in Häggenschwil im Auftrag der Gemeinde betreibt, wurde bis ins Jahr 2021 verlängert. Die Mehrheit der Häggenschwiler schickt ihre Kinder im Dorf in die Oberstufe. «Das Vertrauen ist da», sagt Eisenring, der auch für die Zusammenarbeit mit der SBW nur lobende Worte findet.

Rund 40 Kinder besuchen derzeit das Oberstufenzentrum, wo sie in altersdurchmischten Lerngruppen unterrichtet werden. «In ein bis zwei Jahren ist die Talsohle erreicht, dann steigt die Schülerzahl wieder an», sagt Eisenring. Durch rege Bautätigkeit wächst die Bevölkerung und mit ihr die Schülerzahl im Ort. Für Häggenschwiler Eltern ist die Privatschule gratis, das Schulgeld übernimmt die Gemeinde. Dennoch sei die Privatschule für den Gemeindehaushalt keine teure Lösung, betont Eisenring. Das altersdurchmischte Schulsystem biete den Kindern überdies Chancen, gerade im Sozialen.

Ihre Erfahrung mit der Privatisierung der Schule geben die Häggenschwiler anderen weiter, wenn diese um Rat anklopfen. Gewagt hat den Schritt aber bisher schweizweit keine andere Gemeinde; die SBW Secundaria Häggenschwil bleibt ein Sonderfall. «Die Konstellation in Häggenschwil ist einmalig», sagt Hans-Peter Eisenring. Nicht zuletzt aus historischen Gründen.

Immer wieder musste das Dorf um die Sekundarschule kämpfen, die 1907 gegründet wurde. Lange Zeit war sie die einzige in der Region; Schüler aus Muolen, Wittenbach, Berg und Bernhardzell besuchten die Ausbildungsstätte, damals noch in Lömmenschwil. In den 1970er-Jahren schien mit der Eröffnung des OZ Grünau in Wittenbach das Ende der Schule besiegelt. Doch die unbeugsamen Häggenschwiler kämpften. Und sie kämpften abermals, als der Erziehungsrat 2010 per Brief die Schliessung der Schule forderte.

«Wir lassen uns von einem ‹Brieflein› nicht unterkriegen», resümiert Eisenring. Den ungebrochenen Kampfgeist, den Geist der Häggenschwiler Piraten, sollen die heutigen Feierlichkeiten wieder auffrischen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl im Kampf für die Schule ist für Eisenring denn auch einer der schönsten Erinnerungen seiner Zeit als Gemeindepräsident.

Guido A. Zäch feiert seinen Heimatort

Feier Heute Abend feiert Häggenschwil in der Mehrzweckhalle Rietwies das fünfjährige Bestehen der SBW Secundaria. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr mit einem Apéro. Um 19?Uhr gibt’s einen historischen Rückblick, bevor Christoph Bornhauser ein Referat unter dem Titel «Leidenschaft und Talent für den Erhalt der Schule» hält.

Nach einem Poetry Slam geht ab 19.50 Uhr der Höhepunkt des Abends über die Bühne: Guido A. Zäch, der Gründer des Paraplegikerzentrums Nottwil, trifft in einer Talkrunde auf den Behindertensportler des Jahres, Marcel Hug, sowie Marius Tschirky und Immo van der Linde. Moderiert wird das Gespräch von der ehemaligen SRF-Sportmoderatorin Regula Späni. Der gebürtige Häggenschwiler Guido Zäch hatte sich vor fünf Jahren medienwirksam für den Erhalt der Schule eingesetzt. Kulinarisch untermauert wird der Anlass von Bernadette Lisibach. Die Köchin des Jahres 2015 führt seit 2011 die «Neue Blumenau» in Lömmenschwil. (nh)