Gutenbergs Jünger als Freiwillige

GOSSAU. Der Gossauer Ludwig Moser ist einer der etwa drei Millionen Menschen, die in der Schweiz Freiwilligenarbeit leisten. Und er tut dies gerne. Jeden Montag und oft auch an Wochenenden im Typorama in Bischofszell.

Marianne Bargagna
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Erinnerung an alte Zeiten: Ludwig Moser arbeitet jeden Montag freiwillig an einer alten Setzmaschine im Typorama. (Bild: Ralph Ribi)

Erinnerung an alte Zeiten: Ludwig Moser arbeitet jeden Montag freiwillig an einer alten Setzmaschine im Typorama. (Bild: Ralph Ribi)

Seit zwölf Jahren pensioniert, aber noch kein bisschen müde: Ludwig Moser mag seine Tage nicht mit Nichtstun verbringen. Er bewegt sich, entweder mit dem Velo oder zu Fuss. Und er arbeitet weiter – freiwillig, und zwar in seinem angestammten Beruf als Maschinensetzer. Ludwig Moser ist einer jener vielen Menschen, deren Engagement und dessen gesellschaftliche Bedeutung in diesem Jahr, im Europäischen Jahr der Freiwilligen, ins Rampenlicht gerückt werden sollen.

Montags zur Arbeit

Erst kürzlich hat Moser seinen 500. Frondiensttag im Typorama, dem typographischen Museum in Bischofszell, verbracht. Freiwilligenarbeit leistet er zusammen mit vier, fünf anderen Gossauern. Gemeinsam fahren sie jeweils montags mit dem Zug nach Bischofszell. Dorthin, wo Paul Wirth das Typorama betreibt. Sie kennen sich alle. Seit Jahrzehnten. Haben alle den gleichen beruflichen Hintergrund. Der 77jährige Ludwig Moser lächelt: «Paul Wirth war der letzte Maschinensetzer-Stift in der Druckerei Cavelti in Gossau.» Er selbst lernte Schriftsetzer und liess sich später zusätzlich als Maschinensetzer ausbilden.

Moser und Wirth sitzen im Typorama, einem gut 1000 Quadratmeter grossen, alten Industriegebäude an der Fabrikstrasse. Hierher hat Wirth seine alten Setz- und Druckmaschinen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, seine Schriftsätze, Lettern und Setzkästen vor etwas mehr als zehn Jahren von St. Gallen gezügelt. Und mit seinem Einzug begann auch Mosers Frondienst im Typorama. Der pensionierte Maschinensetzer lacht und erinnert sich an jenen Geburtstag, zu dem ihn Paul Wirth im Jahr 1996 eingeladen hatte – «mit Hintergedanken». Wirth suchte Freiwillige für sein Museum für Bleisatz und Buchdruck, in dem heute noch täglich gearbeitet wird. Er fand sie. Sie kommen aus Biel, Luzern, Zürich und auch schon mal aus Leipzig. Viele kommen aus Gossau und St. Gallen. Einer davon ist Ludwig Moser – «glücklicherweise», dankt Wirth.

Freiwillige braucht es

Moser half mit, das Typorama einzurichten. «Er hat bestimmt etwa 700 Kilo Farbe an die Wände <geklebt>», sagt Wirth. Und dann rechnet er die weiteren Frondienste zusammen: 500 Tage à acht Stunden. Nicht eingerechnet die unzähligen Stunden Heimarbeit, während der Moser Tausende von Etiketten für die über 2500 Schriftsätze bedruckte. Nicht eingerechnet auch die Führungen durch das Museum. «Schon beinahe 200 Gruppen hat Ludwig Moser durch die Setzmaschinenabteilung geführt», sagt Wirth, der auch unumwunden zugibt: «Ohne die Arbeit der Freiwilligen wäre es mir nicht möglich, das Typorama so weiterzuführen.»

Der Sache zuliebe

Ludwig Moser winkt bescheiden ab. Für ihn ist das selbstverständlich. Denn: «Erstens: Ich hatte meinen Beruf gern und habe ihn auch heute noch gern. Zweitens: Ich tu dies alles gerne Paul Wirth und natürlich auch der Sache zuliebe.» Und dann wolle er etwas dazu beitragen, dass das Wissen um die alte Buchdruckerkunst späteren Generationen erhalten bleibe. Er, der an der Setzmaschine gelernt, am Computer pensioniert wurde, sitzt heute immer wieder an jener Linotype, an der er während seiner Arbeitszeit in der Druckerei Cavelti in Gossau arbeitete. Wenn er von seiner früheren Arbeit erzählt, wird es offensichtlich: Ludwig Moser ist ein Jünger Gutenbergs von altem Schrot und Korn. Und dass er nun seine Liebe zu seinem Beruf im Typorama auch im Ruhestand noch ausleben kann, das freut ihn. Ein spitzbübisches Lächeln huscht über sein Gesicht: «Man wird zwar etwas langsamer, etwas vergesslicher.» Dem Engagement tut dies aber keinen Abbruch.

Zeit für vieles

Freiwilligenarbeit – die wird Ludwig Moser im Typorama weiterhin leisten, «solange es die Gesundheit zulässt». Freiwilligenarbeit – das ist für den Gossauer aber nicht erst seit seinem Engagement im Typorama ein Thema. Er war während sechs Jahren Präsident des Gossauer TSV Fortitudo, während 20 Jahren Sekretär in der Fortitudo-Seniorenabteilung. Und trotz allem sei ihm immer noch Zeit geblieben, sich der Familie zu widmen, sagt Ludwig Moser lächelnd.

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