Gute Informationen überleben die Zeit

Zeitungen sollen dem Zeitgeist widerstehen, forderte 2009 der damalige SP-Medienminister Moritz Leuenberger in der NZZ. In Zeiten des Internets und im Meer an Informationen brauche es «Leuchttürme der Glaubwürdigkeit».

Sebastian Schneider
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Zeitungen sollen dem Zeitgeist widerstehen, forderte 2009 der damalige SP-Medienminister Moritz Leuenberger in der NZZ. In Zeiten des Internets und im Meer an Informationen brauche es «Leuchttürme der Glaubwürdigkeit».

Hugo Bütler, NZZ-Chefredakteur von 1985 bis 2006, stellt in einem Vortrag klar, dass die NZZ bereits in Zeiten von Revolutionen, kriegerischen Auseinandersetzungen und zunehmender Globalisierung Orientierung stiftete. Sein Referat hält er im «Vita Tertia» in Gossau. Die 40 Gäste hängen an diesem Donnerstagabend gebannt an seinen Lippen.

Von Herolden und Redaktoren

Um die Geschichte der NZZ aufzurollen, beginnt Historiker Bütler im 16. Jahrhundert, in der Zeit der Reformation. Damals bereits wurden von den sogenannten Herolden Nachrichten übermittelt. Die Politik sei zu jener Zeit aber eine «geheime Sache» des Kleinen Rates gewesen. Und die Herolde, auch Ausrufer genannt, verlautbarten nur die Informationen, die die Politik ihnen weitergab.

In der Wirtschaft begann die Elite ebenfalls, Informationen auszutauschen und zu verbreiten – in Form von Zeitungen. In Zürich wurde am 12. Januar 1780 erstmals die «Zürcher Zeitung» – mehr ein Flugblatt als eine Zeitung – publiziert. Gründer war Salomon Gessner. Etwas später bekam er mit Johann Kaspar Riesbeck seinen ersten Redaktor. «Dieser kam auf Empfehlung von Johann Wolfgang von Goethe», ergänzt Bütler.

Neue liberale Zürcher Zeitung

Die Zeitung wurde umfassender und publizierte 1815 eine 30seitige Beilage zur Schlacht von Waterloo. In den Folgejahren fuhr die «Zürcher Zeitung» einen konservativen Kurs, den die Redaktion erst 1821, als Paul Usteri neuer Chefredakteur wurde, verlässt. Die Zeitung wurde zur Opposition der konservativen Regierung und pochte als «Neue Zürcher Zeitung» auf Pressefreiheit. 1830 lenkte die Politik ein und nahm das Öffentlichkeitsprinzip in die Zürcher Verfassung auf. Aus der schweizweiten liberalen Bewegung entstand 1848 schliesslich der moderne Bundesstaat.

Weder Nazi noch Sozi

Als der Nationalismus in Europa aufkam, und später der Erste Weltkrieg ausbrach, rangen die NZZ-Journalisten um ihre eigene Position. Von Benito Mussolini wollten sie ebenso wenig wissen wie von Lenin. Auch nach der Bolschewistischen Revolution galt es, den Weder-noch-Kurs zu halten.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war zwar der Nationalsozialismus überwunden, doch war die Welt in Ost und West gespalten. «Die Redaktoren widerstanden weiterhin sozialistischen Verführungen.»

Nach dem Mauerfall 1989 begann die Öffnung: Die Globalisierung schritt voran, und um die Jahrtausendwende kam es zu Fusionen grosser Unternehmen. Die Welt sei seither multipolar.

Totgeglaubte leben länger

Immer noch sähen sich Bürger mit zahlreichen Problemen konfrontiert, sagt Bütler und spricht die grossen Migrationsströme und den Terrorismus an. Die «guten Informationen», Meinungen und Orientierungshilfen brauche es darum immer noch. Bütler hofft, dass trotz der steigenden Wichtigkeit elektronischer Kanäle die «guten Informationen» immer noch angeboten werden können. Ob die Zeitungen den Wandel überleben, sei die grosse Frage, die sich in der Zeit der Zeitgleichheit stellt. Hoffnung erweckt hierbei die Geschichte: Das Internet wird laut Bütler zwar immer wichtiger, doch es stellt nicht den ersten Wandel in der Medienwelt dar. «Bereits 1923, beim Aufkommen des Radios, haben viele die Zeitungen totgesagt.»

Nach seinen Ausführungen bietet Bütler den Zuhörern die Gelegenheit für Fragen. Ein Senior will wissen, was er von den jüngsten Querelen um den neuen NZZ-Chefredakteur hält. «Dass Markus Somm angefragt wurde, zeugt von Unbeholfenheit. Ich finde es unsäglich, dass man nicht zuerst in den eigenen Reihen einen Nachfolger von Markus Spillmann gesucht hat.» Mit dem neuen Chef, Eric Gujer, habe man nun aber eine gute Besetzung.