GRÜN: Familiengärten zum Freiraum machen

Die Familiengärten in der Stadt geraten unter Druck. Gleich mehrere Areale sind gefährdet. Ein Konzept zeigt nun auf, wie der Grundbestand an Gartenflächen auch in Zukunft gesichert werden soll. Und es sieht vor, dass die Gärten öffentlicher werden.

Luca Ghiselli
Drucken
Teilen
Beliebt, aber bedroht: Familiengärten wie jener am Wienerberg in Rotmonten sind in Bedrängnis. (Bild: Urs Bucher (14. Mai 2015))

Beliebt, aber bedroht: Familiengärten wie jener am Wienerberg in Rotmonten sind in Bedrängnis. (Bild: Urs Bucher (14. Mai 2015))

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

In Familiengärten wachsen mehr als nur Gemüse, Beeren und Sträucher. Es sind auch soziale Beziehungen, die hier gedeihen. Doch die grünen Kleinode sind auf Stadtgebiet zunehmend bedroht, zumindest einige davon. Von insgesamt 18 Familiengärten sind sieben Areale gefährdet. Sie befinden sich nicht in der Grünzone und müssten somit einem Bauvorhaben weichen, sofern denn eines vorliegt (siehe Zweittext).

Vor diesem Hintergrund haben verschiedene Ämter der Stadt gemeinsam mit dem Zentralverband der St. Galler Familiengärten ein neues Konzept erstellt. Es klärt, wie Familiengärten auch in Zukunft fortbestehen können und welche Massnahmen ergriffen werden, damit nicht zu viele Familiengärten weichen müssen. 1100 Gartenparzellen werden dabei als Grundbestand angestrebt, derzeit sind es rund 1460, davon 1050 in der Grünzone und somit langfristig gesichert (siehe Infobox). Dabei handle es sich nicht zwangsläufig um eine Reduktion, sagt Peter Heppelmann, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft im Stadtplanungsamt. «Diese Anzahl bildet den Grundstock. Wenn man Ersatzareale hinzuzieht, können es auch mehr Parzellen werden, sobald der Bedarf ausgewiesen ist.»

Auf jenen Arealen, die sich ausserhalb der Grünzone befinden, findet ein «Gärtnern auf Zeit» statt. Familiengärten als Zwischennutzung sind eigentlich nichts Neues. «Nun wollen wir den befristeten Charakter aber deutlich kennzeichnen, um keine falschen Erwartungen entstehen zu lassen», sagt Heppelmann. Denn selbst wenn den meisten Pächterinnen und Pächtern bewusst sei, dass ihre Parzelle dereinst überbaut werden könnte, falle es vielen schwer, sich davon zu trennen, wenn es soweit sei.

Begegnungen in den Gärten ermöglichen und fördern

Diesen Schritt durchlebt haben im Frühjahr einige Pächter des Familiengartens Ruckhalde. Rund ein Viertel der Parzellen musste der Tunnelbaustelle der Appenzeller Bahnen weichen. Gisela Bertoldo, Präsidentin des Zentralverbands der St. Galler Familiengarten-Vereine, hat selbst eine Parzelle dort. «Viele, die weg mussten, haben aufgehört. Das ist ihr Boden.» Nur wenig seien in einen anderen Familiengarten gezügelt. «Und wenn, dann sicher nicht in einen Garten, der ebenfalls gefährdet ist.» Im neuen Familiengartenkonzept vermisst Bertoldo ein klares Bekenntnis zu den bestehenden Familiengärten. «Da hätte ich mir ein deutlicheres Votum gewünscht.» Grundsätzlich sei das Papier aber etwas, worauf man in Zukunft bauen könne.

Neben verschiedenen Empfehlungen wie dem Fördern von biologischem Gärtnern, der Biodiversität und neuer Formen der Gartennutzung, sticht eine Massnahme besonders ins Auge: Familiengärten sollen als «städtische Freiräume» gelten und, wo möglich und sinnvoll, offener gegen aussen werden. Denkbar sei zum Beispiel eine Wegführung durch den Garten, um den Langsamverkehr in den Quartieren besser zu erschliessen. «Die direkte Begegnung zwischen Quartierbewohnern und Familiengärtnern würde das gegenseitige Verständnis fördern und die Gärten als soziale Begegnungsräume etablieren», heisst es im Familiengarten-Konzept der Stadt.

Gisela Bertoldo sagt: «Wir sind offen dafür und Besuch im Garten stört uns keineswegs.» Es gebe aber bereits heute Probleme mit Abfall und Vandalismus. Bevor die Familiengärten also öffentlich werden, müsse das zuerst getestet werden. Heppelmann stimmt dem zu: «Ob ein Familiengarten nach aussen offener werden soll und kann, muss von Fall zu Fall differenziert geklärt werden.»

Gartenfläche so gross wie 30 Fussballfelder

Fakten Aktuell stehen auf Stadtgebiet über 200000 Quadratmeter Gartenfläche in den insgesamt 18 Familiengartenarealen zur Verfügung. Das entspricht knapp 30 Fussballfeldern oder rund einem halben Prozent der gesamten Stadtfläche. Derzeit bewirtschaften 1135 Pächterinnen und Pächter gesamthaft 1457 Parzellen. Das heisst, dass rund 300 Pächter zwei Parzellen gepachtet haben. Rund drei Viertel der gesamten Fläche, die heute für Familiengärten zur Verfügung steht, befinden sich in der Grünzone und ist somit auf längere Zeit hin gesichert. Die Altersstruktur der Pächterinnen und Pächter hat sich im Lauf der Jahre nur geringfügig verändert. Rund die Hälfte ist zwischen 50 und 69 Jahren alt. Im Vergleich zur letzten Erhebung hat die Anzahl Pächter unter 40 Jahren leicht zugenommen, von 9 auf 14 Prozent. Etwa 100 Pächterinnen und Pächter von Familiengartenparzellen haben ihren Wohnsitz nicht in der Stadt St. Gallen. Das sei mehrheitlich darauf zurückzuführen, dass diese Personen während der Dauer des Pachtvertrags ihren Wohnsitz verlegt hätten. (ghi)

Aktuelle Nachrichten