Grosse Träume für die Zukunft

RORSCHACH. Mit leiser Stimme spricht der Afghane, über seine Geschichte spricht er nicht gerne. Der Mann war in seiner Heimat Afghanistan in einer guten Position tätig, hatte studiert. Auch seine Frau besitzt einen Studienabschluss.

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Das Paar aus Afghanistan ist fleissig am Deutsch lernen. (Bild: Alessia Pagani)

Das Paar aus Afghanistan ist fleissig am Deutsch lernen. (Bild: Alessia Pagani)

RORSCHACH. Mit leiser Stimme spricht der Afghane, über seine Geschichte spricht er nicht gerne. Der Mann war in seiner Heimat Afghanistan in einer guten Position tätig, hatte studiert. Auch seine Frau besitzt einen Studienabschluss. Jetzt sitzen sie im Aufenthaltsraum der Herberge in Rorschach, ihre Zukunft ist ungewiss.

Schweiz war das Ziel

Sie seien seit fünf Monaten in der Schweiz, sagen die beiden. Und sie seien sehr glücklich, hier zu sein. Die Schweiz sei von Anfang an Ziel ihrer Reise gewesen. Das Wichtigste war aber «einfach raus aus Afghanistan». Sie hätten von Bekannten viel Gutes über die Schweiz gehört. Hier funktioniere der Staat, die Menschenrechte würden eingehalten. Etwas, wovon man in ihrer Heimat in Afghanistan nur träumen konnte. Dort sei alles viel schwieriger, man habe kein Recht, könne sich nicht wehren. Auf nichts könne man sich verlassen. Dazu komme der Krieg, die ständige Ungewissheit und die Angst.

Afghanistan wird beherrscht von den Taliban und von Korruption. Der Mann wurde politisch verfolgt, sagt er, man habe ihn bedroht. Die Flucht sei der letzte Ausweg gewesen. Die Angst ist in seinen Augen noch zu sehen.

Kräftezehrende Flucht

Mit dem Flugzeug aus Afghanistan in die Türkei, von dort aus mit dem Schiff nach Griechenland. Über den Landweg seien sie schliesslich per Bus, Zug und auch teilweise zu Fuss in die Schweiz gekommen. Ein langer, anstrengender Weg, der an den Kräften zehrt, physisch wie auch psychisch. Es sei ihre erste illegale Reise gewesen, sagen die beiden. «Die Reise war schrecklich. Es war eine sehr schlimme Zeit, und die Bilder werden wir nie mehr vergessen.» Die Flucht sei gefährlich gewesen. Immer wieder hätten sie gesehen, wie Leute umgebracht worden seien, um an deren Geld zu kommen. Die beiden haben einem «Guide», wie sie ihn nennen, viel Geld bezahlt, um nach Europa zu kommen.

Die Freude überwiegt

Sie wollen bleiben. Sobald ihr Status geklärt ist, möchten sie möglichst bald ein normales Leben beginnen, sagen die beiden. «Falls es möglich ist, möchte ich meine Ausbildung fortsetzen, um später in einem guten Beruf arbeiten zu können», so die Frau. Auch ihr Mann träumt davon, sein Studium fortzusetzen und nebenbei Teilzeit zu arbeiten. Es sei teilweise schon schwierig hier. Die deutsche Sprache sei sehr schwer zu erlernen. Auch vermissen sie ihre Angehörigen, die sie in Afghanistan zurücklassen mussten. Alleine in einem fremden Land mit anderer Kultur fühle man sich teilweise einsam. Besonders das Gefühl, die Verantwortung über sein Leben jemand anderem übergeben zu müssen, sei schwierig. Es überwiege aber die Erleichterung und die Freude, angekommen zu sein. «Deutschlernen hat im Moment erste Priorität», sind sich die beiden einig und widmen sich wieder ihren Büchern. (joy)