Grosse Fussstapfen in Haiti

Das Pfarrerehepaar Schippert leistet seit über zehn Jahren Entwicklungsarbeit in Haiti. Das Erdbeben hat sie nicht davon abgehalten. Sie arbeiten weiter. Unermüdlich. Und doch sind sie froh, dass sie mit Franziska Wagner eine Stütze erhalten.

Lea Müller
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Im Einsatz für die Menschen in Haiti: Das Pfarrerehepaar Gerhard und Cornelia Schippert (links) erhält in Haiti tatkräftige Unterstützung von Franziska Wagner aus Thal (2.v.r.). Christl Zoller (rechts) übergibt das Präsidium des Vereins «Lemuel Swiss – Chancen für Haiti» an Reto Lareida. (Bild: Lea Müller)

Im Einsatz für die Menschen in Haiti: Das Pfarrerehepaar Gerhard und Cornelia Schippert (links) erhält in Haiti tatkräftige Unterstützung von Franziska Wagner aus Thal (2.v.r.). Christl Zoller (rechts) übergibt das Präsidium des Vereins «Lemuel Swiss – Chancen für Haiti» an Reto Lareida. (Bild: Lea Müller)

RORSCHACH/HAITI. Auf einen Schlag war alles weg: Das Quartier. Das Haus. Die Familie. Die acht jungen Haitianerinnen verloren in wenigen Sekunden alles, was sie im Leben hatten. Ein Erdbeben machte vor zwei Jahren die Hauptstadt Port-au-Prince in Haiti dem Erdboden gleich. Viele Menschen liessen ihr Leben unter den Trümmern. Die Überlebenden – darunter auch die acht Mädchen – sind auf Hilfe angewiesen. «Als wir vom Schicksal dieser Mädchen hörten, dachten wir sofort: Wir müssen etwas tun», erzählt Gerhard Schippert und nickt seiner Frau Cornelia zu.

Das früher in Rorschach tätige Pfarrerehepaar lebt seit über zehn Jahren in Haiti, wo es Nähschulen führt. Die beiden gewährten den Mädchen Unterschlupf und begannen mit dem Aufbau des Heims Foyer Elisabeth. Im vergangenen Mai konnten die Mädchen das Haus beziehen und sich ein gemeinsames Zuhause einrichten. «Wir freuen uns sehr, dass sie wieder Zuversicht haben», sagt Gerhard Schippert fast ein Jahr später am Seniorennachmittag im evangelischen Kirchgemeindezentrum in Rorschach.

Hilfe aus dem Ausland

Seine Frau und er sind für kurze Zeit in die Heimat zurückgekehrt. Der Kontakt nach Rorschach begleitet sie aber täglich bei ihrer Arbeit, denn hier hat ihr Verein «Lemuel Swiss – Chancen für Haiti» seinen Sitz. Er wurde im Jahr 2000 von Schipperts und Vereinspräsidentin Christl Zoller gegründet. Das Pfarrerehepaar siedelte nach Haiti über und baute dort Nähschulen, Ateliers für textiles Arbeiten, Werkstätten und ein Ausbildungszentrum für Fachlehrerinnen auf. Ihr Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe. Junge Frauen erhalten die Chance, einen Beruf zu lernen und damit die Möglichkeit, selbständig für sich zu sorgen. Schipperts schicken die Näharbeiten nach Europa und in die Schweiz, wo sie verkauft werden.

Der Verein leistet aber nicht nur Entwicklungsarbeit. Nach dem Erdbeben – Häuser und Nähschulen des Vereins blieben weitgehend unbeschädigt – leistete Lemuel Swiss vor Ort Soforthilfe. Christl Zoller koordinierte die Projekte von Rorschach aus und sammelte Spendengelder. Als längerfristiges Projekt planten Schipperts den Wiederaufbau von zerstörten Häusern. Unterstützung erhielten sie dabei von Arbeitskräften aus Haiti, aber auch aus dem Ausland. «Wir waren überwältigt von den vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern», erzählen Schipperts.

Nachfolgerin steht bereit

Seither hat sich viel getan: Nebst dem Foyer Elisabeth ist ein neues Atelier entstanden, wo Frauen das Weben erlernen können. Gerade im Bau befindet sich ein Gästehaus in Port-au-Prince. Daneben führen Schipperts weiterhin ihre Nähschulen und Ateliers. Woher nehmen sie seit all den Jahren die Kraft und Energie? «Wir sind da, um anderen Menschen etwas Gutes zu tun», sagen sie. «Unser Arbeit verleiht uns Flügel.» Doch auch sie würden nicht jünger, sagt Gerhard Schippert schmunzelnd und verrät: «Deshalb sind wir glücklich, dass wir mit Franziska Wagner eine junge Frau gefunden haben, die unsere Arbeit irgendwann übernehmen möchte.»

Rückkehr nach Haiti

Franziska Wagner lernte Schipperts bei einem Gottesdienst in Thal kennen und war begeistert von deren Arbeit. Die gelernte Krankenschwester reiste im vergangenen September für einige Monate nach Haiti, wo sie Frauen in Gesundheitsthemen unterrichtete. «Ich bin beeindruckt von den Menschen in Haiti», erzählt die junge Thalerin. «Für mich war bald klar, dass es nicht bei diesem einen Einsatz bleiben soll. Ich will weitermachen.» Ende Februar will sie nach Haiti zurückkehren. Franziska Wagner ist bereit, irgendwann in die Fussstapfen der Schipperts zu treten. Selbst wenn es grosse Fussstapfen sind.