Griechenland baut auf Sand

Sie sind das unerfahrenste Team am Sandskulpturen-Festival, dessen Sieger heute ab 17.30 Uhr gekürt werden. Im Interview sprechen George Rachoutis und Stavroula Kontovraki über Kunst, Sand und ihre Heimat Griechenland.

Corina Tobler
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Stavroula Kontovraki und George Rachoutis in Rorschach. (Bild: Corina Tobler)

Stavroula Kontovraki und George Rachoutis in Rorschach. (Bild: Corina Tobler)

Frau Kontovraki, Herr Rachoutis, wie kommen Sie mit dem Rorschacher Sand zurecht?

Stavroula Kontovraki: Bis jetzt gut. Für mich ist absolut alles neu, macht aber richtig Spass. Ich bin nicht einmal Künstlerin, sondern als Buchhalterin tätig. Skulpturen zu gestalten macht aber Spass, ich habe mich mit der Schaufel schnell angefreundet (lacht). George ist mein Lebenspartner, normalerweise übernehme ich Sekretariatsarbeit für ihn. Für dieses Festival bin ich aber seine Assistentin.

George Rachoutis: Ich bin Bildhauer und nach Rorschach gekommen, um mich der Herausforderung des schwierigen Materials Sand zu stellen. Es ist viel anspruchsvoller als mit Marmor oder Holz zu arbeiten, doch ich geniesse die neue Erfahrung.

Wie kamen Sie zur Kunst?

Rachoutis: Ich hatte keine Wahl (schmunzelt). Ich komme aus einer Künstlerfamilie. Meine Mutter und mein Bruder sind Maler, meine Schwester ist Sopranistin und mein Vater Bildhauer wie ich. Von ihm übernahm ich nach dem Studium in Rom die Bildhauerschule, die ich zu Hause in Chalkida führe. Das ist die Hauptstadt der Insel Euböa, etwa 80 Kilometer nördlich von Athen.

Wie lebt es sich als Künstler derzeit in Griechenland?

Rachoutis: Schwierig. Die Sonne und das Meer sind schön, aber sonst spürt man die Krise überall. In unserer Bildhauerschule hatten wir vor zehn Jahren 200 Studenten, jetzt noch 5.

Kontovraki: Die Kunst bietet wenig Sicherheit für ein Einkommen, zudem ist das Studium in der Stadt für Leute von ausserhalb zu teuer. Die Lage ist aber nicht nur für Künstler, sondern für alle jungen Leute schwierig. Viele von uns müssen viel länger fürs gleiche Geld arbeiten – offiziell sollte nach acht Stunden täglich Schluss sein. Doch wenn der Chef zehn Stunden will, arbeitet man eben zehn Stunden. Das tue ich regelmässig.

Haben Sie keine Angst, irgendwann nicht mehr genug Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen?

Kontovraki: Es ist bei mir als Buchhalterin schon knapp, weil ich monatlich 400 Euro abgeben muss, um mein Stipendium für die Ausbildung zurückzuzahlen. Darum kann ich mir zum Beispiel keine eigene Wohnung leisten, sondern wohne noch bei meinen Eltern.

Rachoutis: Ich versuche über die einschlägigen Künstler-Websites Ausstellungsmöglichkeiten und Festivals wie dieses in Rorschach zu finden. Da meine Schwester in Lugano wohnt, konnte ich auch dort schon ausstellen. Ich persönlich sehe die Krise nicht so tragisch, weil für mich Geld nicht so wichtig ist. Ich war noch nie reich.

Machen Sie die griechische Regierung für die Krise verantwortlich?

Rachoutis: Ja, weil meiner Meinung nach viele von ihnen eine ungenügende Ausbildung haben. Die Folge ist, dass sie ihre Arbeit gar nicht so machen können, wie sie sollten. Zudem schüchtern sie mit ihren Aussagen die Leute ein, machen ihnen Angst.

Kontovraki: Dazu muss man aber auch sagen, dass viele jüngere Griechen ihr Schicksal einfach hinnehmen. Sie klagen laut, sitzen aber gleichzeitig nur da, trinken Kaffee und lassen sich von ihren Eltern aushalten. Niemand macht etwas! Mit der Zeit gewöhnt man sich an dieses Leben.

Wie stehen Sie zu einem Austritt Griechenlands aus der EU?

Rachoutis: Griechenland muss raus. Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt. Es ist nicht möglich für die Länder in der EU, stets so zu handeln, dass das Wohlbefinden der anderen nicht tangiert wird.

Zurück nach Rorschach. Heute ist Prämierung. Peilen Sie den Sieg an?

Kontovraki: Ich geniesse einfach dieses aussergewöhnliche Erlebnis, aber George…

Rachoutis: …ja, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht gewinnen will. Diesen Ehrgeiz habe ich einfach. Im Vordergrund stehen aber ganz klar die neuen Erfahrungen, die ich hier sammeln kann.