Graben nicht dramatisieren

Kommentar Er war zwar an der Sparsession des Kantonsrats nicht traktandiert, spürbar war er trotzdem: der Graben zwischen Stadt und Land. In den letzten Jahren schien er sich etwas geschlossen zu haben, hatte man aus Sicht der Kantonshauptstadt den Eindruck.

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Kommentar

Er war zwar an der Sparsession des Kantonsrats nicht traktandiert, spürbar war er trotzdem: der Graben zwischen Stadt und Land. In den letzten Jahren schien er sich etwas geschlossen zu haben, hatte man aus Sicht der Kantonshauptstadt den Eindruck. Und jetzt ist das Phänomen im Kantonsrat plötzlich wieder voll präsent.

Gestern wurde das bei den kulturellen Sparmassnahmen sichtbar. Die Klangwelt büsst nicht 100 000, sondern nur die 60 000 Franken ein, die im Staatshaushalt wirklich gespart werden können. Die 40 000 Franken aus dem nicht notleidenden Lotteriefonds fliessen weiter. Gleiche Ausgangslage bei der Lokremise: Der Antrag auf Gleichbehandlung (Kürzung 190 000 statt 290 000 Franken) hat keine Chance. Der kleine Unterschied: Die Klangwelt ist eine Toggenburgerin, die Lokremise eine St. Gallerin.

Die Stadt tut im eigenen Interesse gut daran, das Phänomen des Stadt-Land-Grabens nicht zu dramatisieren. Dass er sich in Zeiten von Verteilkämpfen um knapper werdende Subventionen etwas öffnet, ist natürlich. Weil jede Region den Eindruck hat, sie werde am stärksten gerupft, während alle anderen verschont blieben. Die St. Galler Spezialität ist, dass im Kantonsrat der Anti-Kantonshauptstadt-Reflex vielfach automatisch funktioniert. Schulterschlüsse gegen die Stadt laufen manchmal fast reflexartig. Vor allem, wenn die Städter etwas wollen, was dem Land suspekt ist.

Trotzdem: Das Zusammenleben im Kanton funktioniert gut. Und im Kantonsrat hat die Stadt bei zentralen Projekten sehr wohl Chancen, sich durchzusetzen. Dass sie sich dafür besonders anstrengen und speziell gut argumentieren muss, ist für die Qualität der Projekte kein Nachteil.

Und damit, dass eine Partei im Kantonsrat, die SVP, einen Groll gegen fast alles Städtische zu hegen scheint, müssen wir wohl leben. Auch damit, dass von dieser Seite die meisten städtischen Anliegen heftigst bekämpft werden. Umso wichtiger ist es, die übrigen Kräfte im Kantonsrat zu pflegen. Was Daueraufgabe des Stadtrates sein muss. Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch