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GOSSAUER STADTPRÄSIDIUM: "Mein Blick ist unverstellt"

Wolfgang Giella aus Chur will Stadtpräsident von Gossau werden. Der 52-Jährige, der von der überparteilichen Findungskommission aufgestellt wurde, spricht über Digitalisierung, Visionen und Fettnäpfchen.
Sebastian Schneider
Affinität für Sprachen und Informatik: Wolfgang Giella. (Bild: Hanspeter Schiess)

Affinität für Sprachen und Informatik: Wolfgang Giella. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sebastian Schneider

sebastian.schneider@tagblatt.ch

Wolfgang Giella, Sie sind am Zürichsee aufgewachsen und wohnhaft in Chur. Nun wollen Sie Stadtpräsident von Gossau werden. Was motiviert Sie?

Gossau ist ein Ort, der viel Sub­stanz und Potenzial hat. Zugleich stehen Herausforderungen ins Haus, die Handlungsspielraum und Kompromissfähigkeit verlangen. Dieser Aufgabe würde ich mich gerne stellen.

Spannende Heraus­forderungen gibt es auch in anderen Städten. Warum Gossau?

Ich wurde über das Zeitungs­inserat eines breit abgestützten Komitees aufmerksam. Parteien, die politisch eigentlich nicht zusammengehören, haben gemeinsam einen Kandidaten gesucht. Das zeigt, dass man hier bereit ist, Kompromisse einzugehen.

Was gefällt Ihnen sonst an Gossau?

Gossau und die Umgebung gefallen mir landschaftlich sehr gut. Auch der Dorfkern ist schön. Bei den Leuten schätze ich die Zielstrebigkeit. Die Leute wollen die Stadt weiterentwickeln mit Energie, aber ohne dabei gestresst zu sein.

Dann können Sie sich vor­stellen, hier zu wohnen.

Für mich ist dies selbstverständlich: Sollte ich gewählt werden, werde ich hierherziehen.

Sie sind verheiratet und Vater zweier Kinder. Der Umzug wäre für die Familie kein Problem?

Nein. Ich habe Gossau mit der Familie an einigen Wochenenden besucht. Gerade der jüngeren Tochter gefällt es hier sehr gut.

Kürzlich sagten Sie im ­«Tages-Anzeiger», dass in Gossau Sachpolitik im Vordergrund stehe und dass es im Gegensatz zu Zürich keine Grabenkämpfe gibt. Können Sie das näher erklären?

Der Kompromiss scheint hier wichtiger zu sein als die Parteipolitik. Die Gemeinschaft hat Priorität, die politischen Fragen werden davon abgeleitet. Im Zürcher Kantonsrat etwa kommt oft zuerst die politische Farbe, danach sucht man die Lösung für die Gemeinschaft.

Von einem Stadtpräsidenten erwartet man einen grossen Erfahrungsschatz und ­Führungserfahrung. Was macht Sie für die angestrebte Funktion fähig?

Derzeit leite ich eine Verwaltung mit 50 Angestellten. Ich kenne den Unterschied zwischen Verwaltungs- und Unternehmensmanagement. In meiner mittlerweile 18-jährigen Führungs­tätigkeit sammelte ich zudem zahlreiche Projekterfahrungen. Ich arbeite in einer «Expertenorganisation» und bin in Konsensfindung geübt, innerhalb der Hochschule oder in nationalen und internationalen Gremien.

Im Gegensatz zu Ihrem Konkurrenten Daniel Lehmann haben Sie nicht viel Erfahrungen in der Privatwirtschaft – abgesehen von einer KV-Lehre und Studentenjobs.

Auch diese Tätigkeiten gaben mir Einblicke in die Berufswelt, vor allem in die Sicht von «unten». Um mein Studium zu finanzieren, habe ich unter anderem für Volg in Winterthur in Nachtschicht ­gearbeitet.

Derzeit sind Sie Leiter der Zürcher Hochschulbibliothek in Winterthur. Sind Sie ein altmodischer Bücherwurm oder ein digitalisierter Mensch?

Ich habe einen Management-Job, in dem es darum geht, Digitalisierungsschritte umzusetzen. In der schweizerischen Fachhochschullandschaft ist unsere Bibliothek führend darin, virtuelle Dienstleistungen aufzubauen.

Denken Sie, dieser Hintergrund könnte Ihnen als Leiter einer Stadtverwaltung zum Vorteil gereichen?

Ja. Nennen wir als Beispiel das neue Rechnungsmodell, das Gossau bereits 2018 anwendet. Dafür wird es eine neue Software geben. Ich bin überzeugt, dass bei der Einführung mein Wissen zum Tragen kommt. Denn heute ist es Teil meiner Arbeit, neue Softwares zu evaluieren.

Zurück zu Gossau. Sie haben sich mit der Stadt gründlich auseinandersetzen müssen. Wie sind Sie vorgegangen?

Auf der Webseite der Stadt Gossau habe ich viele Unterlagen zu ­politischen Themen gefunden. Zudem habe ich Statistiken studiert und Vergleichszahlen wie zum Beispiel über Verwaltungsdichte analysiert.

Bei Ihrer Recherche müssen Sie ziemlich schnell auf den Masterplan Sportanlagen gestossen sein. Soll die Stadt die Anlagen über eine Steuererhöhung finanzieren?

Eine Steuererhöhung ist eine der letzten Optionen. Es ist nicht ­lange her, als man den Steuerfuss gesenkt hat. Achterbahnfahrten mit dem Steuerfuss tun einer Gemeinde nicht gut. Man muss andere Möglichkeiten finden.

Welche?

Einzelne Anlagen kann man eventuell in Zusammenarbeit mit Privaten bauen. Eine andere Variante wäre eine Gegenfinanzierung etwa durch den Verkauf von umgezonten Grundstücken der Stadt. Eine dritte Möglichkeit sehe ich in einer Etappierung.

Sie haben angekündigt, die Lösung fürs Verkehrsproblem zu haben …

Das stimmt so nicht ganz. Ich ­hatte nur die Idee, mehr Druck auf Stadt und allenfalls Kanton für die Lösungsfindung aufzubauen, indem der Ortsbildschutz an der St. Gallerstrasse erhöht wird.

Wie stellen Sie sich den Schutz konkret vor?

Entweder schützt man den Ortskern samt der Häuser aus den 1950er-Jahren oder man nimmt einzelne Häuser ins Inventar auf. Sobald die Häuser geschützt sind, kann die Stadt bei den kantonalen und je nachdem bei natio­nalen Ämtern Druck aufsetzen. Wichtig ist, dass in den nächsten Jahren eine Lösung realisiert wird. Varianten für eine bessere Verkehrsführung gibt es ja viele.

Mit Ihrem Vorpreschen in der Verkehrsfrage haben Sie einige Leute vor den Kopf gestossen. Kritiker fragten sich, ob Sie die Gossauer für unfähig halten, weil sie es jahrzehntelang nicht schafften, eine Lösung zu finden.

Ich hätte mich anders ausdrücken müssen. Ich meine aber, stets gesagt zu haben, dass ich eine Idee für ein Druckmittel und nicht für eine Verkehrsvariante habe. Deren gibt es ja sehr viele.

Sie wurden von Partei­vertretern portiert. Ob Sie von den Gossauer Parteien aber getragen werden, ist ungewiss.

Das war mir von Anfang an bewusst. Unter Umständen be­komme ich von keiner einzigen Partei die Unterstützung.

Was ist mit den Mitgliedern der Findungskommission?

Diese arbeiten im Wahlkomitee mit. Als Privatperson dürfen sie mich ja unterstützen.

Die Findungskommission hätte noch drei weitere Kandi­daten aufstellen können. Weshalb sind Sie der einzige?

Mir wurde gesagt, ich sei der dossiersicherste gewesen. Zudem habe ich Visionen für Gossau.

Ihre Rolle als Auswärtiger hat keine Rolle gespielt?

Einerseits kann ich gewisse Probleme mit einem unverstellten Blick angehen. Da ich schon an vielen Orten gelebt habe und mich immer mit der lokalen Politik auseinandergesetzt habe, besitze ich viele Vergleichswerte. Auf der anderen Seite ist programmiert, dass ich hie und da ins Fett­näpfchen treten werde.

Sie haben von Visionen gesprochen. Was ist Ihre Vision?

Ich will, dass Gossau als Wirtschaftsstandort breiter aufgestellt ist. Dass sich hier wissensinten­sive Betriebe ansiedeln. So kann man auch dem Problem entgegenwirken, dass Arbeitskräfte nach Zürich abwandern.

Wolfgang Giella ist in Uerikon in der Gemeinde Stäfa aufgewachsen und hat Indogermanistik in Zürich studiert. Seinen Werdegang setzte er in Göttingen (D) fort, wo er unter anderem Zentralasienkunde studierte. Heute leitet der 52-Jährige die Bibliothek der Zürcher Fachhochschulen in Winterthur und lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Chur. Giella ist für den Wahlkampf in Gossau aus der SP ausgetreten und kandi­diert als Parteiloser. Eines seiner Hobbys ist Wandern. (ses)

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