GOSSAU: Zwischen Friedberg und «Ochsen»

Für Martin Miller ist es eine Rückkehr, als er am Donnerstag in die Friedberg-Aula kommt. Von ehemaligen Mitschülern gibt es eine Umarmung hier, einen Händedruck da. Der Termin für den Vortrag bei der Akademie am Friedberg war bei einer Klassenzusammenkunft vereinbart worden.

Johannes Wey
Merken
Drucken
Teilen
Psychotherapeut Martin Miller in seiner früheren Schule, dem Gymnasium Friedberg. (Bild: Urs Bucher)

Psychotherapeut Martin Miller in seiner früheren Schule, dem Gymnasium Friedberg. (Bild: Urs Bucher)

Für Martin Miller ist es eine Rückkehr, als er am Donnerstag in die Friedberg-Aula kommt. Von ehemaligen Mitschülern gibt es eine Umarmung hier, einen Händedruck da. Der Termin für den Vortrag bei der Akademie am Friedberg war bei einer Klassenzusammenkunft vereinbart worden. Der Sohn der weltberühmten Kindheitsforscherin Alice Miller ist selbst bekannt, spätestens seit er 2013 den Erziehungstheorien seiner Mutter in einem Buch seine traumatische Kindheit entgegengesetzt hat.

Gossau, das ist für Martin Miller vor allem der Friedberg, in den er mit 17 Jahren als «Interner» kam, weil er von seinen Eltern weg wollte. Damals sei das Internat noch «katholisch nach allen Regeln der Kunst» gewesen. «Trotzdem fühlte ich mich <so frei wie im Paradies>, wie ich einmal nach Hause geschrieben habe. Meine Eltern hatten daran natürlich keine Freude.» Die Patres hätten ihn spirituell geprägt, obwohl er mit Religion bis heute wenig am Hut habe. Im Gegensatz zur rituellen Seite habe ihn aber die Haltung seiner Lehrer geprägt: «Sie stellten ihr Leben aus Glaubensgründen in den Dienst anderer und haben dafür auf unheimlich viel verzichtet.» Das sei heute auch seine Grundhaltung als Therapeut. «Ich bin spirituell mit Gossau verbunden», sagt der 66-Jährige.

Das Essen am Friedberg sei damals aber «grottig» gewesen. Deshalb habe er sein Taschengeld so oft als möglich im «Ochsen» liegenlassen, für Bratwurst mit Zwiebelsauce und Pommes Frites. Gossau habe für ihn damals nur aus dem Friedberg und dem «Ochsen» bestanden. Ansonsten habe er höchstens einmal einen Spaziergang nach Andwil unternommen. Viel Freizeit blieb ihm ohnehin nicht, in der Schule hatte er Mühe. Er habe viele Stunden mit Lernen verbracht: «Ich musste knütteln wie ein Steinesel», sagt er im breiten Zürcher Dialekt. Rund 15mal sei er seit seiner Schulzeit schon für Klassenzusammenkünfte zurückgekehrt. «Wenn ich heute in Gossau bin oder daran vorbeifahre, nehme ich das Städtchen viel bewusster war.»

Millers Thema bei der Akademie am Friedberg ist ernst: Die Integration kriegstraumatisierter Flüchtlinge. «Der Fluch der Flucht» ist der Titel des Aufsatzes, den er vorliest. Der Psychotherapeut hat dazu aus zwei Perspektiven etwas zu sagen. Zum einen von seiner eigenen Arbeit mit Kriegstraumata. Zum anderen hat er in seiner Kindheit am eigenen Leib – und am eigenen Geist – erfahren, was passiert, wenn solche Traumata nicht aufgearbeitet werden: Sie werden an die nächste Generation weitergegeben, sagt Martin Miller. Die herkömmlichen Integrationsmassnahmen griffen viel zu wenig weit, ohne zusätzliche psychotherapeutische Betreuung drohten «unkalkulierbare Risiken». In der Fragerunde, an der sich nicht wenige Fachleute, beispielsweise aus dem Asylwesen, einbringen, gesteht Miller ein, dass er nicht wisse, ob diese Herausforderung zu bewältigen sei. «Doch die Hoffnungs stirbt zuletzt.»