GOSSAU: Winterhilfe für Bussarde

Der harte Winter brachte viele Greifvögel an ihre Grenzen. Ein Gossauer Ehepaar füttert seit Jahren die Bussarde um sein Haus. Und erlebt dabei spannende Begegnungen.

Johannes Wey
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Michael Gwelessiani befestigt mit Agraffen Fleischstücke auf der Holzplattform. (Bild: Johannes Wey)

Michael Gwelessiani befestigt mit Agraffen Fleischstücke auf der Holzplattform. (Bild: Johannes Wey)

Johannes Wey

johannes.wey@tagblatt.ch

Die Wildvogelpflegestation hatte in den vergangenen Wochen Hochsaison. Greifvögel, die, von der Kälte ausgezehrt, unter der Schneedecke keine Beute mehr fanden, mussten wieder aufgepäppelt werden. Für jeden vierten Vogel kam die Hilfe zu spät (Tagblatt vom Montag).

So weit wollten es Michael Gwelessiani und Barbara Fornaro gar nicht erst kommen lassen. Wie schon seit Jahren befestigten sie auch diesen Winter Fleischstücke auf einer kleinen Plattform, die sie nahe ihres Hauses am Hag ihrer Pferdekoppel errichtet haben. Und auch dieses Jahr gelangen Gwelessiani einige spektakuläre Aufnahmen von Bussarden, welche die Mahlzeit dankend annahmen. Der Hobbyfotograf musste sich dafür mit dem Teleobjektiv unter einen Baum stellen oder die auf einem Stativ montierte Kamera aus der Ferne auslösen, denn die Wildvögel sind scheu. «Zu Beginn liessen sie sich auch vom Klicken der Kamera verscheuchen. Sie gewöhnten sich aber schnell daran», sagt der pensionierte Jurist.

Mit den milderen Temperaturen und dem Regen der vergangenen Tage wurde die Jagd für die Greifvögel wieder einfacher. Deshalb stellen die beiden Gossauer ihre Fütterung nun ein. «Man soll ja nicht zu sehr in die Natur eingreifen, wenn es nicht nötig ist», sagt Gwelessiani.

Durch Fernsehsendung inspiriert

Mit der Fütterung angefangen hat das Ehepaar 2005, als es ebenfalls einen strengen Winter gab. Barbara Fornaro wurde in der damaligen Sendung «Menschen Technik Wissenschaft» des Schweizer Fernsehens auf das Schicksal der Greifvögel aufmerksam. Die Fleischresten, die sie damals wie heute von Metzgern gratis erhalten, waren von Beginn weg heiss begehrt. Im ersten Winter hätten sich einmal sieben Bussarde auf dem Grundstück versammelt und brav auf dem Hag gewartet, bis sie mit Fressen an der Reihe waren. «Seither haben wir zu den Vögeln fast schon eine Beziehung aufgebaut», sagt sie. Jene mit markanten Merkmalen erkennen sie von weitem. Einer der Bussarde verbringe nun auch im Sommer viel Zeit um das Haus. Allerdings liessen sich im Winter angesichts der hungrigen Greifvögel kaum mehr Singvögel blicken.

In diesem Winter hätten sie erst verhältnismässig spät mit der Fütterung begonnen, als die Kaltphase anhielt. «Der erste Bussard, der ankam, hat das Fleisch regelrecht verschlungen», sagt Barbara Fornaro. Sie ist überzeugt, dass die Fütterung auch ganz im Sinne der umliegenden Bauern ist. «Wenn die Bussarde durch den Winter kommen, gibt es im Sommer weniger Mäuse.» Viele Landwirte würden ja auch Stangen aufstellen, damit die Bussarde einen guten Beobachtungsposten fänden.

Vogelschützer findet es «genial»

Genau dasselbe Vorgehen wie jenes von Michael Gwelessiani und Barbara Fornaro empfehlen die Vogelwarte Sempach und der ­Naturschutzverband Birdlife in einem Merkblatt. Die erhöhte Plattform bietet den Vögeln Schutz, die Befestigung des Fleisches verhindert, dass es zu Boden fällt. «Und die Vögel können so nicht alles auf einmal essen», ergänzt Gwelessiani. Die Plattform sollte möglichst auf freiem Feld stehen und die ausgelegten Portionen nicht zu gross sein, ­damit das Futter nicht zu lange liegen bleibt und gefriert.

Lobende Worte für diese Initiative findet Christian Müller, der Leiter der eingangs erwähnten Wildvogelpflegestation St. Gallen: «Das ist genial.» Ohne solche Futterangebote würden in kalten Wintern noch mehr Greifvögel kraftlos am Boden liegen bleiben. Dann brauchen sie schon viel Glück, um überhaupt gefunden und in die Pflegestation gebracht zu werden.