GOSSAU: Unternehmer gegen Akademiker

Beide bewerben sich um den Posten des Stadtpräsidenten. Die Gegenüberstellung zeigt: Das ist die einzige Gemeinsamkeit zwischen Daniel Lehmann (CVP) und Wolfgang Giella (parteilos).

Noemi Heule
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Fünf Kandidaten für Stadtrat und Stadtpräsidium auf dem Podium: Claudia Martin (SVP), Daniel Lehmann (CVP), Stefan Harder (Flig), Wolfgang Giella (parteilos) und Monika Gähwiler-Brändle (SP) (von links), flankiert von den beiden Moderatoren und «Tagblatt»-Redaktoren Angelina Donati und Sebastian Schneider. (Bild: Urs Bucher)

Fünf Kandidaten für Stadtrat und Stadtpräsidium auf dem Podium: Claudia Martin (SVP), Daniel Lehmann (CVP), Stefan Harder (Flig), Wolfgang Giella (parteilos) und Monika Gähwiler-Brändle (SP) (von links), flankiert von den beiden Moderatoren und «Tagblatt»-Redaktoren Angelina Donati und Sebastian Schneider. (Bild: Urs Bucher)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Viel Zeit bleibt nicht mehr. In einem Monat entscheiden die Gossauerinnen und Gossauer, wer ihr neuer Stadtpräsident wird. Soll es einer aus den eigenen Reihen sein oder doch frischer Wind von ausserhalb? Diese Frage lockte am Donnerstag über 500 Zuhörer in den Fürstenlandsaal. Am «Tagblatt»-Podium stellten sich die Kandidaten Daniel Lehmann (CVP) und Wolfgang Giella (parteilos) den Fragen der Redaktoren Angelina Donati und Sebastian Schneider. Und sie demonstrierten, dass die Herkunft nicht der einzige Unterschied ist.

Dennoch liess es sich Daniel Lehmann nicht nehmen, die Karte des «Ur-Gossauers» zu zücken, wann immer sich Gelegenheit bot. Etwa, sobald sich die Diskussion um den Verkehr drehte: Lehmann sprach sich für einen «Weg der kleinen Schritte» aus. Grosse Lösungen, das habe die Vergangenheit bewiesen, führten nicht zum Ziel. Damit spielt er auf einen Vorschlag Giellas an: Der Bündner hatte bereits ein Rezept gegen das Verkehrsproblem auf der St. Galler­strasse versprochen. Mit einer Lösung, nahm er allerdings gleich vorweg, damit könne er nicht aufwarten. Vielmehr spricht er von einem neuen Ansatz. Giella schlägt vor, den Kanton über den Ortsbildschutz zu mobilisieren. «Verkehrsfreiheit ist nicht das Ziel, sondern eine Entlastung.» Auch Lehmann betonte: «Das Gewerbe lebt vom Verkehr.»

Ohnehin hob Lehmann seine Nähe zur heimischen Wirtschaft hervor. Der Unternehmer wurde sowohl von der CVP als Kandidat portiert als auch von der Handels- und Industrievereinigung Gossau (HIG) rekrutiert. Trotz dieser Doppelrolle sei er nicht allein dem Gewerbe verpflichtet. Die Kunden der Wirtschaft seien die Bürger der Stadt, für die er sich als Präsident einsetzen wolle. Während Lehmann, der just vor seiner Kandidatur das Familienunternehmen verkaufte, sein Netzwerk innerhalb des Gewerbes als Trumpf ausspielt, werfen ihm seine Gegner Verstrickung vor.

Start-ups statt Industrie

Wolfgang Giella hingegen hat als Akademiker und Bibliothekar bei der Wirtschaft einen schwierigeren Stand. «Daniel Lehmann hat Vorteile; dafür bin ich etwas freier», konterte er süffisant. Überhaupt entwickelte Wolfgang Giella, der sich zu Beginn eher zurückhaltend gab, im Verlaufe des Gesprächs durchaus Schalk, den das Publikum goutierte und auch mal mit Spontanapplaus quittierte. Gegenüber Daniel Lehmann, der sich selbst als ungeduldig bezeichnet, wirkte Giella besonnen und überraschte gleichzeitig mit einem Funken Humor. Er, der mit dem Adjektiv «bodenständig» wirbt, mied intellektuelle Höhenflüge weitgehend. Dennoch liess er es sich nicht nehmen, auf die Frage nach einem Ortsmuseum für Gossau zu einem Exkurs über Museumsethik anzusetzen. Die Wirtschaft will Giella stärken, indem er Start-ups aus dem IT-Bereich oder anderen wissensintensiven Branchen in die 18000-Einwohner-Stadt lockt.

Ein «Akademiker durch und durch» zu sein, dagegen wehrte sich Wolfgang Giella vehement. Er habe seine Karriere schliesslich mit einer KV-Lehre gestartet und erst Mitte 30 den akademischen Weg eingeschlagen. Mittlerweile führt der 52-Jährige auf dem Leistungsausweis einen Doktortitel sowie ein Nachdiplomstudium in Verwaltungsleitung auf. Giella leitet heute die Hochschulbibliothek der ZHAW in Winterthur. Der Churer wurde von einer überparteilichen Findungskommission bestehend aus SVP, SP, FDP und Flig für den Posten des Stadtpräsidenten aufgestellt. Wolfgang Giella zielt aber nicht nur auf die Stimmen der vier Parteien, sondern versucht seinem Gegenspieler auch CVP-Stimmen streitig zu machen. «Man kennt mich nicht; ich muss um jede Stimme kämpfen», sagte er. Falls gewählt, wolle er, der unmittelbar vor seiner Kandidatur aus der SP Graubünden ausgetreten ist, wieder einer Partei beitreten. Welche dies sei, diese Frage liess er jedoch offen. Während er die SVP bereits zuvor ausgeschlossen hat, könne er sich durchaus vorstellen, der CVP beizutreten. Ein Votum aus dem Publikum warf ihm denn auch Opportunismus vor.

Lokalkolorit oder ein unverstellter Blick?

Deutlich traten mit fortschreitender Stunde die Unterschiede der beiden Kandidaten zu Tage. Während Daniel Lehmann Lokalkolorit in die Diskussion einbrachte, und sich – ganz der erfahrene Politiker – bemühte, mustergültige Antworten zu liefern, gab Giella auch auf private Fragen pointiert und entwaffnend ehrlich Auskunft. Er spielte sich nicht als Gossau-Kenner auf, punktete dafür mit einem breiten Hintergrundwissen. Am 26. November entscheiden die Gossauerinnen und Gossauer, was ihnen wichtiger ist: Stützen sie sich auf Vertrautes oder wollen sie Unkonventionelles wagen? Lokal vernetzt oder ein unverstellter Blick? Der durchtriebene Unternehmer oder der durchdachte Akademiker? Die beiden sind allerdings nicht die einzigen Kandidaten auf dem Wahlzettel. Ohne Rückendeckung der Parteien stellen sich die beiden Exoten Max Brunner und Bruno Egli zur Wahl.