Gossau twittert über Sex und Senioren

Aufgefallen

Noemi Heule
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Twittern liegt im Trend - auch in Gossau. (Bild: Keystone)

Twittern liegt im Trend - auch in Gossau. (Bild: Keystone)

Twittern liegt im Trend: Eine Viertelmillion Schweizer ist täglich auf dem Nachrichtenportal aktiv. Die Gossauer scheinen dieser Entwicklung hinterherzuflattern, zumindest zwitschern sie nichts über ihre Heimatstadt. Der Hashtag Gossau nämlich, wo Nachrichten zum Schlagwort Gossau gesammelt werden, wird nur selten mit Neuigkeiten gefüttert. Nur zwei Nutzer scheinen diesen aktiv zu nutzen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Eigentlich gilt die Devise: Je jünger, desto häufiger wird getwittert. Knapp ein Fünftel der 14- bis 19-Jährigen nutzt den Kurznachrichtendienst. Bei den über 55- Jährigen sind es knapp sechs Prozent. Unter #Gossau ist dieser Anteil übervertreten. Der Platzhirsch unter dem Hashtag ist nämlich mit Markus Christen ein 55-Jähriger, der im Namen des Seniorenzentrums Vita Tertia in die Tastatur greift. Technologie ist bei Christen hoch im Kurs: Mit neusten Sensoren hat Big Brother Einzug in die Alterswohnungen der Stiftung gehalten. Sie überwachen die Bewohner und lösen im Notfall Alarm aus. Mit dem Pflegepersonal wird auch über Skype kommuniziert und auch beim Einkaufen hilft wenn nötig ein virtueller Assistent.

Doch damit nicht genug: Regelmässig bietet das Seniorenzentrum IT-Kurse an, etwa zum Thema Whatsapp. Auch zu Twitter könnte es bald Lektionen geben. «Wir haben das Thema auf dem Radar», sagt er. Den Erfolg dieser Kurse teilt Christen, wie könnte es anders sein, gleich selbst über Social Media mit: «Mega – unser monatlicher ‹Gut zu Wissen› IT-Kurs für #Senioren im #VitaTertia in #Gossau ist wieder ein voller Erfolg.» Die Kurznachricht auf Twitter ist garniert mit einer farbigen Palette an Emoticons: Ein gelber Smiley streckt die Zunge raus, ein anderes zeigt ein breites Grinsen. Auch strahlende Sonnen, grasgrüne Kleeblätter, bunte Regenbogen oder eine Hand, die Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen streckt, sind in seinen Nachrichten anzutreffen. «Ich möchte positive Botschaften für den dritten Lebensabschnitt verbreiten», sagt Christen.

Im Gegensatz zu diesem farbenfrohen Sammelsurium aus dem «Vita Tertia» nutzte ein anderer, anonymer Nutzer den Hashtag Gossau für zwielichtige Angebote: Eine internationale Internetseite pries bis vor kurzem unter dem Schlagwort erotische Angebote an – unterstrichen von Bildern, die keine Fragen offen liessen. Keine gute Werbung für die 18000-Seelen-Stadt. Dass Gossau auf Twitter mit sexuellen Dienstleistungen in Verbindung gebracht wird, war dem Kommunikationsbeauftragten Urs Salzmann bis vergangene Woche nicht bekannt. Darauf angesprochen ergriff er flugs Initiative und meldete die anrüchigen Posts. Mit Erfolg: Twitter entfernte die Meldungen und die Timeline der Stadt sieht wieder anständig aus. Wieso der internationale Erotikdienst mit dem Schlagwort Gossau operierte, ist Salzmann nach wie vor schleierhaft. Er sagt: «Wir tappen im Dunkeln.»

Doch nicht nur der Stadt Gossau waren die anstössigen Nachrichten ein Dorn im Auge. Auch Markus Christen meldete Posts. Dies sei ein Akt der «Zivilcourage». Nur durch Hartnäckigkeit reagierten die Algorithmen im Hintergrund und sperrten die Nachrichten dauerhaft, sagt er. Nun kann er sich wieder auf seine eigenen Tweets konzentrieren. Er hofft, dass viele – nicht zuletzt Junge – seinem Beispiel folgen. «Das Alters- und Pflegeheim muss Trendsetter sein», sagt er. Dass die Timeline von Gossau von nackter Haut befreit ist und die Senioren wieder prominenter präsent sind, ist für Christen ein voller Erfolg, getreu seinem Motto «das Thema Alter muss sexy werden».

Noemi Heule

noemi.heule@tagblatt.ch