GOSSAU: Sie waren Menschen zweiter Klasse

Die Wanderausstellung «Muss Integration nützlich sein?» ist aktuell in der Stadtbibliothek zu sehen. Sie berichtet vom Ankommen in einem fremden Land und porträtiert Migranten, die heute in der Region leben.
Nina Rudnicki
Susan Asghari (links) und Annette Bosshart in der Ausstellung zur Migration in der Stadtbibliothek Gossau. (Bild: Ralph Ribi)

Susan Asghari (links) und Annette Bosshart in der Ausstellung zur Migration in der Stadtbibliothek Gossau. (Bild: Ralph Ribi)

Nina Rudnicki

redaktiongo@tagblatt.ch

«Ich bin stolz und aufgeregt, dass meine Geschichte Teil dieser Ausstellung ist», sagt Susan Asghari aus Gossau. Die 19-Jährige steht vor ihrer Tafel in der Stadtbibliothek Gossau. Diese ist Teil der Ausstellung «Muss Integration nützlich sein?». 16 Frauen und Männer mit Migrationshintergrund erzählen auf je einer Tafel von ihren Heimatländern, ihren Beweggründen von dort wegzugehen, ihrem Weg und ihrem Ankommen in der Schweiz.

«In meiner Heimat Iran habe ich mich nie Zuhause gefühlt», sagt Susan Asghari. Sie sei in einem Vorort von Teheran geboren und zur Schule gegangen. Weil ihre Eltern aber aus Afghanistan stammten, seien sie in der iranischen Gesellschaft nie akzeptiert und willkommen gewesen. «Es gab beispielsweise ein Gesetz, das die Afghanen zu Menschen zweiter Klasse herabstufte», sagt sie. Ihr Vater habe eine eigene Autolackiererei gehabt. Dort sei er regelmässig von Polizisten bedroht und gezwungen worden, umsonst für sie zu arbeiten. «Als sie meinem Vater mit einer Gefängnisstrafe drohten, flohen wir.»

Sie will einmal Ärztin werden

Die Flucht von Susan Asghari ist auf der Tafel beschrieben. Sie reiste mit ihrer Familie über die Türkei nach Griechenland, wo sie während zwei Jahren auf einer griechischen Insel lebten. Susan Asghari besuchte die Schule und lernte Griechisch und Englisch. Für ihre Familie übernahm die damals 13-Jährige die Übersetzungen bei Behördengängen und in alltäglichen Situationen. Schliesslich reiste sie alleine mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in die Schweiz weiter, während ihr Vater versuchen wollte, später mit dem Sohn nachzukommen. Zunächst kam die Familie in das Asylzentrum Thurhof, seit 2013 lebt sie in Gossau. Im Sommer 2017 hat Susan Asghari eine Lehre im Alters- und Pflegeheim Rotmonten in St. Gallen begonnen. «Mein Ziel ist es, danach Ärztin zu werden», sagt sie. Die Ausstellung «Muss Integration nützlich sein?» ist eine Wanderausstellung, die an verschiedenen Orten in der Ostschweiz halt macht.

Unterstützt wird sie vom Amt für Integration St. Gallen, der regionalen Fachstelle für Integration Gossau, der Stadtbibliothek sowie der Gemeinde Gossau. «Was mich besonders freut, ist, dass die Geschichten der Ausstellung sehr positiv geprägt sind», sagt Annette Bosshart von der regionalen Fachstelle für Integration Gossau. «Die Migrantinnen und Migranten mussten ihre Länder aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen. Das zeigt die Ausstellung genauso auf, wie das Potenzial und die Chancen, die diese Personen mitbringen.»

Die Ausstellung führt die Besucherinnen und Besucher unter anderem nach Eritrea, in den Kosovo, die USA, nach Tibet, Sibirien, Spanien und Serbien. Rund 50 Personen haben sich die Ausstellung an der Vernissage am Montagabend angeschaut. Ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung ist laut Annette Bosshart der Literaturabend am 8. Februar, an dem der irakische Autor Usama Al Shahamani über seine eigenen Erlebnisse als Flüchtling berichtet (siehe nachstehenden Text).

Porträts von Migrierten

In Gossau ist «Muss Integration nützlich sein?» noch bis zum 17. Februar zu sehen. Eine Besonderheit ist, dass die Ausstellung mit Porträts von Personen aus Gossau und der Umgebung ergänzt wurde. Nebst Susan Asghari erzählt beispielsweise die Iranerin Tina Refaryat Minai ihre Geschichte. Die gelernte Coiffeuse und Kosmetikerin war im dritten Monat schwanger als ihr Mann starb. Sie floh, weil sie als alleinerziehende Mutter gegenüber der Familie ihres verstorbenen Mannes keine Rechte hatte. Heute lebt sie mit ihrem Sohn in Abtwil.

Lesung mit zwei Autoren

Die Autoren Usama Al Shahamani und Bernadette Conrad lesen am 8. Februar um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Gossau aus ihrem gemeinsamen Buch «Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister». Weil er ein regimekritisches Theaterstück geschrieben hat, musste Usama Al Shahmani 2002 den Irak fluchtartig verlassen. Heute lebt er in Frauenfeld. In dem Buch gehen die beiden Autoren unter anderem den Fragen nach, was der plötzliche Abbruch eines gewohnten Lebens bedeutet und wie Ankommen in einem neuen Leben funktioniert. Der Eintritt für diesen Literaturabend ist kostenlos. (nar)

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