GOSSAU: Sie krabbeln doch nur

Trotz panischer Angst haben Teilnehmerinnen des ersten Angstseminars im Walter-Zoo Spinnen angefasst. Wenn sie dranbleiben, können sie ihre Spinnenphobie ganz überwinden.

Sebastian Schneider
Drucken
Teilen
Offensichtlicher Fortschritt: Nach dem Angstseminar kommt Jenifer Stanley mit der «flauschigen» Kraushaar-Vogelspinne schon gut zurecht. (Bild: Ralph Ribi (Walter-Zoo, 29. Oktober 2016))

Offensichtlicher Fortschritt: Nach dem Angstseminar kommt Jenifer Stanley mit der «flauschigen» Kraushaar-Vogelspinne schon gut zurecht. (Bild: Ralph Ribi (Walter-Zoo, 29. Oktober 2016))

GOSSAU. Sie sieht eklig aus, sie bewegt sich unberechenbar, sie ist uns fremd. Und dann ist da noch das Gift, mit der sie uns töten könnte. Der Spinne will man aus mehreren Gründen nicht zu nahe kommen. «Die Angst vor Spinnen ist eine der häufigsten, sie ist tief im Menschen verankert», weiss Ursula Galli, Psychotherapeutin am Psychologischen Institut der Universität Zürich. An diesem Samstag ist sie zu Gast in Gossau. Im Seminarraum des Walter-Zoos will sie den Teilnehmerinnen des Kurses helfen, die Angst vor den Achtbeinern zu überwinden. Es ist das erste Seminar, das der Walter-Zoo zusammen mit der Universität Zürich durchführt.

Berührungen bewirken schon viel

An einem solchen halbtägigen Kurs kann es zuweilen ganz schön laut werden, oder es können auch Tränen fliessen. Obschon Ursula Galli, die von einer Biologin des Walter-Zoos unterstützt wird, die Teilnehmerinnen sachte an die kleinen Freunde heranführt und zuerst einmal über Nutzen, Verhalten und Anatomie der Spinne informiert. Und die Teilnehmerinnen können selber entscheiden, wie weit sie gehen wollen.

Die 18jährige Jenifer Stanley aus St. Gallen etwa hat zum ersten Mal seit vielen Jahren Spinnen angefasst. «Die Vogelspinne ist sogar richtig angenehm flauschig», sagt sie nach dem Seminar. Bei der einheimischen Spinne habe sie allerdings etwas mehr Mühe gehabt, «aber gestupst habe ich sie schon». Wer Angst habe, meide die Spinne. Und wer nie eine positive Erfahrung mit den Krabbeltieren mache, der könne auch nie die Angst überwinden, sagt Psychotherapeutin Galli. Mit den Spinnen verhalte es sich halt ganz anders als etwa mit dem Autofahren: «Wenn man beim Autofahren einen Unfall erlebt hat, arbeitet man danach daran, die Angst vor dem Strassenverkehr wieder abzubauen. Der Spinne allerdings geht man aus dem Weg. Man vermeidet sie womöglich für immer.» Jenifer Stanley hat von einem prägenden Negativerlebnis aus der Primarschulzeit zu berichten: «Ich lag im Bett und habe nochmals kurz die Nachttischlampe eingeschaltet», erzählt sie. «Und dann habe ich eine fette schwarze Spinne im Bett gesehen.» Sie sei aus ihrem Zimmer gerannt, habe geschrien und geheult. Stanley spricht von einer panischen Angst samt Herzrasen, die sie seither vor Spinnen habe. Vor diesem Erlebnis sei sie noch fasziniert von den kleinen Tierchen gewesen, aber danach wollte und konnte sie sie nicht mehr ansehen.

Wer Spinnen nicht einmal mehr auf einem Foto anschauen kann, der leidet per Definition an einer Phobie. Und so schauen sich die Teilnehmer des Angstseminars zuerst Bilder an, ehe sie tote, dann lebendige Spinnen anfassen und diese gegebenenfalls über ihr Hände krabbeln lassen. «Natürlich ist man nach einem solchen Seminar nicht einfach geheilt», sagt Ursula Galli. Wichtig sei für die Teilnehmer, weitere möglichst positive Erfahrungen mit Spinnen zu sammeln. Jenifer Stanley ihrerseits hat sich zum Ziel gesetzt, beim nächsten Mal die Spinne selber aus dem Zimmer zu befördern. Geübt habe sie das jetzt an diesem Vormittag. Sie kann ein positives Fazit ziehen: «Der Kurs hat sich auf alle Fälle gelohnt.» Die Zeit der panischen Angst dürfte vorbei sein, hofft Stanley, die eine Schularbeit über ihre Spinnenphobie schreibt.

Sind die Männer nicht ganz ehrlich?

Der Kurs sei auch aus Sicht des Walter-Zoos ein Erfolg gewesen. Im Januar werde der nächste Kurs durchgeführt, sagt Biologin Leandra Pörtner. Angedacht seien auch Angstseminare mit Schlangen.

Warum alle zehn Teilnehmer Frauen waren, darüber kann man rätseln. Leandra Pörtner hat aber eine mögliche Erklärung. Sie ist überzeugt, dass Männer ebenso Angst vor Spinnen hätten wie Frauen, nur: «Die Männer haben Angst, die Angst vor Spinnen zuzugeben.»