GOSSAU: Schule soll nicht «nur» Wissen vermitteln

Nach 44 Jahren als Primarlehrerin und Heilpädagogin tritt Hildegard Manser diesen Sommer in Pension. Ihr war es ein besonderes Anliegen, dass Eltern und Schule am selben Strick ziehen.

Nicole Füllemann
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Hildegard Manser ist frisch pensioniert. (Bild: Nicole Füllemann)

Hildegard Manser ist frisch pensioniert. (Bild: Nicole Füllemann)

«Mit den Kindern individuell arbeiten zu können und zu sehen, wie sie auch in verschiedenen Bereichen wie Motorik, Selbstvertrauen, Schätzen und so weiter Fortschritte machen, hat mich stets motiviert», sagt Hildegard Manser. Sie war im Primarschulhaus Haldenbüel jahrelang als Legasthenie- und Dyskalkulie­therapeutin tätig. Nun wurde sie pensioniert. Bevor die gebürtige Bütschwilerin nur noch als Therapeutin arbeitete, unterrichtete sie ab ihrem 21. Lebensjahr als Klassenlehrerin auf der Unter­stufe im Bedaschulhaus, an der Schule Lindenberg und als schulische Heilpädagogin in der Integration in Degersheim. Während ihres Berufslebens schätzen gelernt habe sie vor allem die Vielfalt der Pädagogik, in welcher ­soziale, gesellschaftliche, psychologische und wissenschaftliche Aspekte vereint würden. «Genauso interessant am Lehrerberuf war für mich auch immer das Spektrum an Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft zu engagieren.» So wirkte Manser vier Jahre lang im Gossauer Parlament und neun Jahre im Schulrat.

Reparaturwerkstatt der Gesellschaft

Früher hätten sehr junge Lehrkräfte eine hauptsächlich sach- und methodikorientierte Aus­bildungsstätte verlassen. Heute sei es anders. «Ich befürworte es, dass heutige Lehrpersonen Zeit haben, zu Persönlichkeiten heranzureifen und auf die vielfältigen Tätigkeitsbereiche vorbe­reitet werden.» Dies sei auch ­unerlässlich, denn die heutige Gesellschaft, in der oft Vater und Mutter aufgrund ihrer Berufs­tätigkeit weniger Zeit haben für den Nachwuchs, verlange nach Institutionen, in denen nicht «nur» Wissen vermittelt werde. «Ohne es werten zu wollen, finde ich die Bezeichnung der Schule als ‹Reparaturwerkstatt der Gesellschaft› sehr treffend.» Auch Aufgaben wie Zähneputzen, Verkehrsunterricht, Sexualaufklärung, Kleidervorschriften oder Medienerziehung übernehme die Schule. «Hilfreich ist dabei das gemeinsame Wirken mit der Schulsozialarbeit, trotzdem müssten mehr Ressourcen bereitgestellt werden.» Angebote wie die örtlichen Tagesstrukturen oder Aktivitäten in Vereinen, von denen in Gossau zahlreiche vorhanden seien, sollten ihrer Meinung nach unbedingt genutzt werden. Dort erfahre das Kind Rahmenbedingungen, in denen es sich spielerisch motorische und soziale Fähigkeiten aneignen könne. «Beim Fernsehschauen oder Handyspielen ist das we­niger der Fall.» Problematisch ­werde es dann, wenn Eltern zum Beispiel aufgrund ihrer eigenen negativen Schulerfahrungen ablehnend seien. Denn Hildegard Manser betont: «Wichtig ist vor allem, dass Eltern und Schule am selben Strick ziehen.»

Nicole Füllemann

redaktiongo

@tagblatt.ch