GOSSAU: "Marktstübli" lebt weiter

Der Stadtrat krebst zurück und wandelt das "Marktstübli" doch nicht in Büros um. Somit bleibt das Lokal den Gossauer Vereinen vorerst erhalten. Der Rat räumt ihnen eine dreijährige Bewährungsfrist ein.

Noemi Heule
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Gossauer Vereine setzen sich durch: Das «Marktstübli» muss nicht wie geplant Büroräumen weichen. (Bild: Ralph Ribi)

Gossauer Vereine setzen sich durch: Das «Marktstübli» muss nicht wie geplant Büroräumen weichen. (Bild: Ralph Ribi)

Der Aufschrei war gross, als der Gossauer Stadtrat im Oktober verkündete, das "Marktstübli" in Büroräume für das Sozialberatungszentrum Region Gossau umzunutzen. Bereits im Februar hätten die Bauarbeiten beginnen sollen. Nun verzichtet der Rat auf die geplante Umsetzung. "Vorerst", wie es in der Medienmitteilung heisst.

Endgültiger Entscheid vertagt
Der Stadtrat räumt den Vereinen eine dreijährige Bewährungsfrist ein, um ihr Interesse am "Marktstübli" unter Beweis zu stellen. Bis Ende 2019 können sie die Räume im Erdgeschoss des alten Gemeindehauses wie gehabt nutzen. Im Frühling 2019 will der Stadtrat Bilanz ziehen, welche Bedeutung die Lokalität tatsächlich für das Gossauer Kultur- und Vereinsleben hat. Dann erst soll über deren endgültige Nutzung entschieden werden.

Der Gossauer Stadtrat hat damit dem öffentlichen Druck nachgegeben. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: Neu sollen die Räume auch Privaten offenstehen und die Nutzungszeiten werden nach oben angepasst. Zudem spricht der Stadtrat einen Kredit von 35'000 Franken, um die Einrichtung zu modernisieren. Damit gebe er den Vereinen eine echte Chance, das "Marktstübli" künftig vermehrt zu nutzen, sagt Stadtpräsident Alex Brühwiler.

Unzählige negative Reaktionen und das öffentliche Unverständnis hätten den Stadtrat dazu bewogen, den Entscheid zu überdenken, sagt er. Brühwiler gesteht: "Wir haben das Interesse am ‹Marktstübli› unterschätzt." Der Stadtrat begründete den Entscheid mit der geringen Auslastung. An über 300 Tagen im Jahr habe die Lokalität leergestanden. Diesen nüchternen Zahlen schlugen sogleich Emotionen entgegen. Das "Marktstübli" hat in Gossau Tradition; dessen Fortbestehen wurde zur Herzensangelegenheit. Insbesondere das Vorgehen des Stadtrates schlug den Nutzern sauer auf. Sie waren nicht in den Entscheidungsprozess einbezogen worden und erfuhren erst aus der Zeitung von der geplanten Umnutzung. Brühwiler räumte Fehler ein und entschuldigte sich in einer Aussprache bei Vertretern der Vereine.

Vereine in der Verantwortung
Diese zeigen sich nun erleichtert über die Kehrtwende des Stadtrates. Beatrice Nigg von der IG Sport spricht gar von einem "Freudentag". "Der Stadtrat zeigt gegenüber den Vereinen Wohlwollen und Wertschätzung." Georges Meyer von der IG Kultur fügt an: "Nun sind die Vereine in der Verantwortung."

Flig-Parlamentarier Alfred Zahner bestätigt: "Den grossen Worten müssen nun Taten folgen". Er hat das "Marktstübli" bereits für die Hauptversammlung seiner Partei reserviert. Er hoffe nun, dass andere Organisationen nachziehen. Zahner hatte sich im Parlament mit einer Interpellation zugunsten des "Marktstüblis" ausgesprochen.

Für den Fall, dass sich der Stadtrat gegen eine Umnutzung entscheidet, hatte er in der Budgetsitzung vom 6. Dezember zudem ein Kredit von 30'000 Franken beantragt, um die Infrastruktur zu verbessern. Dieser war knapp abgelehnt worden. Umso überraschender kommt für ihn nun der Entscheid des Stadtrates, in die Einrichtung zu investieren. Damals kritisierte Zahner zudem, dass die niedrige Auslastung des Lokals hausgemacht sei: Die Stadt müsse in die Vermarktung des "Marktstüblis" investieren. SP-Parlamentarier Florian Kobler greift in einer Medienmitteilung den Vorwurf auf: Zwar sei der Entscheid "erfreulich und richtig", nun aber müsse die Werbung für das Lokal intensiviert werden.

Vermarktung durch öffentliche Debatte
Alex Brühwiler widerspricht: Mit der öffentlichen Diskussion habe eine Sensibilisierung der Bevölkerung stattgefunden. Die Debatte sei bereits "hinreichendes Marketing" für das "Marktstübli". Es seien deshalb keine Ressourcen für die Vermarktung vorgesehen. "Wenn das Bedürfnis vorhanden ist, braucht es ohnehin keine Werbung."