GOSSAU: Marktstübli ist ein zu heisses Eisen

Die Verantwortlichen des regionalen Sozialberatungszentrums halten sich aus der Marktstübli-Diskussion raus. Dass sie froh um einen Umzug wären, ist aber auch so offensichtlich.

Sebastian Schneider
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Wie es mit dem Marktstübli weitergeht, entscheidet der Gossauer Stadtrat im Januar. (Bild: Ralph Ribi (3. November 2016))

Wie es mit dem Marktstübli weitergeht, entscheidet der Gossauer Stadtrat im Januar. (Bild: Ralph Ribi (3. November 2016))

Sebastian Schneider

sebastian.schneider

@tagblatt.ch

Man weiss erst, was man hat, wenn man es verloren hat. Was einem im Leben immer wieder einholen kann, scheint auch auf die Gossauerinnen und Gossauer und ihr Marktstübli zuzutreffen. Das Lokal wurde immer weniger genutzt, der Stadtrat konstatierte in der Antwort auf die Interpellation «Marktstübli – tschüss?» der Flig: «Die Bedeutung des Marktstüblis ist im Gossauer Vereinsleben verloren gegangen». An über 300 Tagen im Jahr habe das Marktstübli leer gestanden. Der Stadtrat liess bei seinem Entscheid, das Marktstübli in Büros des Sozialberatungszentrums (SBZ) umnutzen zu lassen, die Zahlen sprechen. Aufgrund der Emotionen, die danach ins Spiel kamen, sagte Stadtpräsident Alex Brühwiler an einer Aussprache: «Entschuldigung». Unterdessen laufen Abklärungen; der Stadtrat ist daran, seinen Entscheid zu überprüfen. Im Januar soll ein neuer Beschluss vorliegen (Tagblatt vom 16. November).

«Nicht unnötig Unruhe stiften»

Während Leserbriefschreiber ihrem Ärger und ihrer Enttäuschung Luft machten und Politiker den Stadtrat attackierten, blieb ein Akteur stets ruhig: Andreas Haltinner, Präsident der regionalen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb.

In seiner Funktion ist er zugleich – zumindest administrativ – auch verantwortlich für das SBZ, das die Büros im alten Gemeindehaus beziehen würde. Wie schon vor der Dezember-Parlamentssitzung lehnt Haltinner auch jetzt Interviewanfragen ab; er wolle nicht über dieses Thema sprechen, solange solche Unsicherheiten bezüglich künftiger Nutzen des Marktstüblis bestünden. Er wolle jetzt nicht zusätzlich Unruhe stiften. Auch SBZ-Stellenleiterin Beatrice Roffler bezeichnet den jetzigen Zeitpunkt als «nicht geeignet», um über das Zentrum zu sprechen.

Kurze Wege sind für die Fachleute wichtig

Die Kesb und das SBZ arbeiten eng zusammen. Die Behörden haben dieselbe Trägerschaft, dessen oberstes Entscheidungsgremium die Gemeindepräsidenten der beteiligten Gemeinden sind. Zur regionalen Kesb Gossau zählen nicht nur Andwil, Waldkirch und Gossau, sondern auch Degersheim, Flawil, Gaiserwald und Niederbüren. Bis heute hat das SBZ eine Anlaufstelle in Flawil, und weitere Mitarbeiter sind im Schulamt Gossau untergebracht. Um interdisziplinär zusammenarbeiten zu können, ist es erheblich besser, wenn alle Mitarbeiter im gleichen Gebäude arbeiten. Durch die Umnutzung des Marktstüblis könne die Führung des SBZ «wesentlich vereinfacht» werden, schrieb auch die Stadt, als sie im Oktober via Medienmitteilung über den Entscheid informierte.

Völlig unabhängig vom Marktstübli: Für die Mitarbeiter der Kesb und insbesondere für das SBZ ist der Austausch von entscheidender Bedeutung. Kesb-Präsident Haltinner betonte dies im Tagblatt bereits im Februar 2013, als die neu gegründete Behörde einen «Ansturm» von neuen Anfragen bewältigen musste. Die Kesb löste damals die Vormundschaftsbehörde ab und wurde neu überregional organisiert.

Das SBZ fungiert als Beratungszentrum für Menschen, die in einem Familienstreit stecken, die Beratung in Finanzfragen brauchen, die in einer Trennung sind, die süchtig sind, die Probleme in der Partnerschaft haben. Pro Jahr behandeln die SBZ-Mitarbeiter weit über 1000 Fälle. Einen grossen Teil machen Kindes- und Erwachsenenschutzfälle aus – Mandate, die das SBZ im Auftrag der Kesb annimmt.