GOSSAU: «Man wird dankbarer für das, was man hat»

Andreas Haltinner ist der erste Präsident der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Region Gossau. Eine Woche vor der Pension erzählt er, wie es sich in der «wahrscheinlich meistgehassten Behörde» arbeitet.

Corinne Allenspach
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Umgeben von viel Natur lüftet Kesb-Präsident Andreas Haltinner im Andreaspark fast täglich seinen Kopf. «Ein wunderbarer Ort, um abzuschalten und aufzutanken», sagt er. (Bild: Urs Bucher)

Umgeben von viel Natur lüftet Kesb-Präsident Andreas Haltinner im Andreaspark fast täglich seinen Kopf. «Ein wunderbarer Ort, um abzuschalten und aufzutanken», sagt er. (Bild: Urs Bucher)

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Andreas Haltinner, Sie sind noch bis Ende Mai Präsident der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Region Gossau, vorher waren Sie Gaiserwalder Gemeindepräsident. Was war einfacher?

Das ist eine schwierige Frage. Beide Funktionen stellten besondere Anforderungen. Als Gemeindepräsident ging es mehr um politische Befindlichkeiten, bei der Kesb um persönliche.

Und welches war einfacher?

Emotional belastet mich die Stelle als Kesb-Präsident mehr.

Weshalb?

Wir sind sehr nahe an den Leuten und ihren Schicksalen. Und es ist nicht immer einfach, gute Lösungen zu finden.

Sie sagen «nahe an den Leuten». Aber schweizweit wird der Kesb immer wieder vorgeworfen, sie sei zu weit weg von den Leuten.

Dieser Vorwurf wird erhoben, aber er ist falsch. Wenn wir Meldung erhalten von einem Fall, klären wir alle Umstände ab und führen mit den Betroffenen immer mehrere Gespräche. Wenn die Leute nicht zu uns kommen, dann gehen wir zu ihnen heim.

Sie sind der erste Präsident der Kesb Region Gossau. Das heisst, Sie haben die Organisation von Grund auf aufgebaut. Ist das mehr Bürde oder Freude?

Vor allem ist es eine grosse Chance und spannende Aufgabe. Wenn man es gut macht, ist man nachher auch besser dran. Nach einem chaotischen Start haben wir den Laden schnell in den Griff bekommen. Die Kesb Gossau hat einen guten Ruf.

Mit Einführung der Kesb wurden ja die Vormundschaftsbehörden der Gemeinden abgelöst. Jetzt, knapp viereinhalb Jahre später: War das der richtige Schritt?

Ich bin überzeugt, dass wir mit den jetzigen Strukturen erfolgreicher arbeiten können als im alten System. Wir können besser herausfinden, was die Betroffenen brauchen und wie man einen Schritt weiterkommt. Die Zusammenarbeit verschiedener Fachleute hat bei uns einen hohen Stellenwert. Bei schwierigen Fällen führen wir Gespräche und Hausbesuche immer interdisziplinär durch. Und wir platzieren heute weniger Kinder in Heimen als die früheren Behörden.

Für viele Aussenstehende ist die Kesb aber nach wie vor ein Bösewicht, jene Behörde, die Eltern die Kinder wegnimmt.

Wahrscheinlich sind wir die meistgehasste Behörde.

Welche Auswirkungen hat es auf Ihr Team, wenn die Kesb medial in der Kritik steht?

Wir leiden heute noch vor allem unter dem Fall Flach. Viele Leute zeigen uns gegenüber eine starke Abwehrhaltung, haben Vorurteile, sind überzeugt, dass wir Macht ausüben und Bürokraten seien. Wir schleichen aber nicht um die Häuser und suchen verwahrloste Kinder oder demente Personen. Die Kesb schaltet sich nicht selber ein. Wir werden erst aktiv, wenn wir Meldung erhalten: Von Polizei, Schule, Grosseltern etc.

Wurden Sie auch bedroht?

Ja, das kommt schon vor. In den vergangenen Jahren ging manch einer von uns am Abend nicht leichten Herzens heim. Dann ist es wichtig, ein gutes Team zu haben. Damit kann man vieles auffangen und den Grossteil der Probleme im Büro zurücklassen.

Was war für Sie der belastendste Moment?

Ein sehr schwieriger Fall war, als ich zusammen mit der Polizei ein Kind daheim wegholen musste, dessen Eltern unter starkem Drogeneinfluss standen und sehr aggressiv waren.

Haben Sie mit solchen Belastungen gerechnet?

Ich war in Gaiserwald schon Präsident der Vormundschaftsbehörde. Daher kannte ich einige Fälle bereits. Wenn man mehr Fälle bearbeitet, wird natürlich auch die Belastung grösser. Wobei ich sagen muss, dass es von unseren aktuell 800 Fällen nur wenige sind, die uns auf den Magen schlagen.

Hat sich Ihr Bild von der Gesellschaft verändert, seit Sie bei der Kesb arbeiten?

Es hat mir gezeigt, dass wir quasi in einem geschützten Umfeld leben. Wenn man sieht, was in gewissen Familien abgeht, auch mit häuslicher Gewalt, wird man vielleicht etwas dankbarer für das, was man selber hat.

Gibt es auch freudige Momente als Kesb-Präsident?

(überlegt) Wenn man sieht, dass jemand wieder Tritt gefasst hat in der Gesellschaft, zum Beispiel ein Jugendlicher, der eine Lehrstelle gefunden hat, das sind schon schöne Momente.

Wenn Sie Ende Monat in Pension gehen: Welche «Baustellen» übergeben Sie Ihrem Nachfolger Andreas Hildebrand, der bisher die Kesb Region Arbon führte?

Er wird natürlich alle laufenden Fälle übernehmen, aber das sind keine Baustellen. Organisatorisch gibt es nur eine grössere Baustelle. Wir müssen eine Lösung finden, die Büros des Sozialberatungszentrum, die sich heute teilweise im Haus der Kesb an der Gutenbergstrasse in Gossau, im Nachbarhaus und teilweise in Flawil befinden, zu vereinen. Nachdem das im Marktstübli nicht realisiert werden konnte, ist eine andere Lösung in Sicht, aber noch nicht spruchreif. Leichen im Keller haben wir nicht.

Genau heute in einer Woche wird ihr letzter Arbeitstag sein. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Dass ich von einer grossen Verantwortung befreit bin.

In den Ruhestand gehen Sie nicht wirklich. Am 1. Juli übernehmen Sie als Präsident der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Gaiserwald. Hatten Sie Angst vor zu viel freier Zeit?

Es gab schon Momente, in denen ich befürchtete, in ein Loch zu fallen. Es ist sicher einfacher, nicht direkt von 100 auf 0 runterzufahren. Für mich und für meine Frau. Da ich sowieso schon immer ­vorhatte, nach der Pension etwas Sinnstiftendes zu machen, kommt dieses Amt wie gerufen.

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