GOSSAU: Malen hilft durch schwierige Zeiten

Evelyne Vetsch gehört zu den Auserwählten, denen die Raiffeisenbank Gossau-Niederwil einen «Härzenswunsch» erfüllt hat. Für die 32-Jährige ist es allerdings weit mehr als «nur» eine Farbschachtel.

Angelina Donati
Drucken
Teilen
Mit 120 Farbstiften in den verschiedensten Nuancen kann Evelyne Vetsch ihrer Kreativität freien Lauf lassen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Mit 120 Farbstiften in den verschiedensten Nuancen kann Evelyne Vetsch ihrer Kreativität freien Lauf lassen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Angelina Donati

angelina.donati

@tagblatt.ch

Sie strahlt über das ganze Gesicht und zeigt voller Freude ihr vorweihnachtliches Geschenk, das sie erhalten hat: Eine nigelnagelneue Caran d’Ache Farbschachtel mit 120 Farbstiften. «Das ist der Wahn», sagt Evelyne Vetsch und fährt mit der Hand den bunten Stiften entlang. «Bei dieser grossen Auswahl weiss ich gar nicht, mit welcher Farbe ich zu malen beginnen soll.» Dass die Raiffeisenbank Gossau-Niederwil sie bei der Aktion «Härzenswunsch» auserkoren hat, kann sie noch immer nicht wirklich glauben. Zumal das ja auch ihre Mutter eingefädelt hat und sie nichts davon wusste. «Auch als sie mich kürzlich fragte, ob ich mir immer noch eine solche ‹Kiste› wünsche, ahnte ich nichts von dieser grossartigen Überraschung», sagt die 32-Jährige.

Während für andere Menschen Farbstifte «nur» Farbstifte sind, wecken sie bei Evelyne Vetsch ganz besondere Kindheitserinnerungen. Erinnerungen an eine Zeit, die oft von schwierigen Momenten geprägt war. Wegen einer Krankheit und weil sie darum etwas scheuer als andere Kinder war, musste sie bereits im Spielgruppenalter eine künstlerische Therapie besuchen. «Es war aber eine bereichernde Zeit. Meine Betreuerin hat mit mir immer die tollsten Dinge unternommen und mich auf meinem Lebensweg begleitet», schwärmt sie.

Begeisterung fürs Malen ist stets geblieben

Damals entdeckte die Gossauerin die begehrte 120er-Farbschachtel, die sie benutzen und damit Kunstwerke kreieren durfte. «Das Malen gibt mir eine extreme Ruhe. Man ist für sich und taucht in eine andere Welt ein.» Nebst Werken auf Papier gestaltet Evelyne Vetsch auch liebend gerne Fensterbilder. Die Einschränkungen durch ihre Krankheit haben sich im Vergleich zu früher etwas gelegt. Die Freude am Malen aber ist geblieben und eignet sich auch als Ausgleich zu ihrem Beruf als Kindererzieherin. Auch benötigt sie ihrer Gesundheit zuliebe immer wieder kleinere Erholungsphasen. Richtig abschalten kann Evelyne Vetsch aber am besten in einem bestimmten Land: «Spanien hat es mir richtig angetan», sagt sie und ihre Augen beginnen zu leuchten. «Als unsere Familie zum ersten Mal dorthin reiste, war ich im Teenager-Alter, und es gefiel mir überhaupt nicht. Ich wollte so schnell wie möglich wieder nach Hause.» Doch bereits beim zweiten Aufenthalt, an einem Ort etwas weiter südlich, war die Goss­auerin so begeistert, dass sie am liebsten geblieben wäre.

Wertvolle Freundschaften in Spanien

So oft wie nur möglich nimmt sie die rund 20-stündige Fahrt mit dem Bus in Kauf und besucht ihre zweite Heimat, wie sie erzählt. Von der Warmherzigkeit, die die Spanier ausstrahlen, ist sie fasziniert. «Die Landsleute sind fröhlich und offen und zufrieden mit dem, was sie haben», sagt Evelyne Vetsch. Nach unzähligen Besuchen wird sie dort längst als «Ehrengast» behandelt. Über die Jahre seien wunderbare Freundschaften entstanden. «Solche Freunde müsste ich hier in der Schweiz lange suchen.» Ein grosser Stolz der Gossauerin ist zudem ein heute zweijähriges Mädchen, von dem sie Gotte ist.

Kein Wunder also, dass viele Zeichnungen, die Evelyne Vetsch erstellt, die Begegnungen mit den ihr vertrauten Personen zeigen – das alles natürlich mit passenden Hintergrundnuancen in Meeresblau und Sonnengelb.

«Der Farbschachtel-Wunsch fiel uns sofort ins Auge»

Während des ganzen Novembers konnten bei der Raiffeisenbank Gossau-Niederwil «Härzenswünsche» eingereicht werden. Bedingungen waren, dass die schenkende Person über 18 Jahre alt sein und der Wunsch 500 Franken nicht überschreiten soll. Die Marketingverantwortliche Erika Fässler sagt, weshalb genau Evelyne Vetsch zu den neun glücklichen Gewinnern gehört.

Welche Wünsche wollen sich die Leute erfüllen lassen?

Die Wünsche sind sehr unterschiedlich. Auch die Altersklassen sind durchmischt. Darunter finden sich aber gleich mehrere Wellness-Wünsche. Zum Beispiel für Mütter, die viel zu tun haben und darum Erholung verdient hätten, wie oft beschrieben wurde. Insgesamt haben wir 82 Wünsche erhalten. Drei davon haben wir bereits erfüllt und sechs weitere folgen demnächst.

Weshalb fiel die Wahl auf den Farbschachtel-Wunsch?

Dieser Wunsch ist uns von Anfang an ins Auge gestochen. Denn unserer Ansicht nach sind Wellness-Angebote eher Luxus. Aber der Wunsch von Evelyn Vetsch ist bodenständig und sympathisch. Solche Farbstifte wünschen sich doch viele, die meisten aber haben die Möglichkeit nicht, so viel Geld dafür auszugeben.

Wurde auch darauf geachtet, ob die Beschenkten ein Schicksal erlitten haben?

Darauf haben wir auch geachtet, aber nicht nur. Dass es Evelyne Vetsch in ihrer Kindheit nicht einfach hatte, haben wir erst später erfahren. Umso schöner ist es, dass die Wahl auf sie fiel.

Führt Ihre Filiale diese Aktion nächstes Jahr wieder durch?

Eigentlich war es als einmalige Aktion gedacht. Ob eine erneute Ausführung stattfinden wird, entscheiden wir noch. (ad)