«Gossau ist keine Stadt»

GOSSAU. Gossau ist heute mit rund 18'000 Einwohnern die viertgrösste Gemeinde des Kantons und hat ein eigenes Stadtparlament. Dennoch sieht eine Leserbriefschreiberin ihre Heimat als Dorf. Historiker Karl Schmuki pflichtet ihr bei.

Sebastian Schneider
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Der Ortskern von Gossau entstand an der St. Gallerstrasse. Die Stadt wird darum auch «Strassendorf» genannt. (Archivbild: Hanspeter Schiess)

Der Ortskern von Gossau entstand an der St. Gallerstrasse. Die Stadt wird darum auch «Strassendorf» genannt. (Archivbild: Hanspeter Schiess)

In Gossau wird man persönlich gegrüsst, wenn man ein Fachgeschäft betritt. Wer in Gossau lebt, dem steigt regelmässig der «Duft» von Gülle in die Nase. Diese Feststellungen hat eine Leserbriefschreiberin gemacht, die seit rund 40 Jahren in Gossau lebt. Sie fühle sich wohl in Gossau und das schon vor den «unermüdlichen Anstrengungen», aus Gossau eine Stadt machen zu wollen. Ob der Ort nun ein Dorf oder eine Stadt ist, spielt für sie keine Rolle. Im Leserbrief vom 26. August lässt sie auch durchblicken, dass für sie St. Gallen die Stadt und Gossau das Dorf ist.

Im Schatten der Hauptstadt

Aus offizieller Sicht hat die Leserbriefschreiberin nicht recht. Gossau ist mit rund 18 000 Einwohnern die viertgrösste Gemeinde im Kanton. Bereits 1961 wurde die 10 000-Einwohner-Marke, die für eine offizielle Stadt erreicht werden muss, geknackt. Seit 2001 werden politische Entscheide im Stadtparlament gefällt und der Vorsteher der Exekutive trägt den Titel Stadtpräsident.

Gleichwohl hat Gossau seinen ländlichen Charakter auch in den vergangenen Jahren nicht verloren. Die Aufschrift «Dorf Gossau» am Steinbrunnen vor der Andreaskirche hat bislang auch niemand weggespitzt und stattdessen «Stadt Gossau» eingemeisselt.

Auch für den Historiker und Ortskenner Karl Schmuki ist Gossau immer noch ein Dorf. Er pflichtet der Leserbriefschreiberin bei: «Die meisten Gossauer denken an St. Gallen, wenn sie von der Stadt sprechen.» Gossau habe zwar eine eigene Dynamik, doch friste sie als Stadt ein Schattendasein neben der dominanten Kantonshauptstadt.

Eine neue Mitte finden

«Gossau ist eine gegensätzliche Stadt», sagt in diesem Zusammen Paul Dominik Hasler. Der Stadtentwickler hat im Auftrag der Stadtverwaltung die Nutzungsstrategie Ortskern ausgearbeitet, die Ende 2013 fertiggestellt wurde. In dieser Analyse hält er als externer Experte und Co-Autor fest, dass Gossau einen «dynamischen Transformationsprozess vom Dorf zur Stadt» durchlaufe. Mit der Frage Dorf oder Stadt sei er bei seiner Arbeit immer wieder konfrontiert worden. Allerdings lasse sie sich nicht so leicht mit Ja oder Nein beantworten. Dafür müsse ein Dialog mit allen Gossauerinnen und Gossauern geführt werden.

Aus seiner Sicht ist das Wichtigste, dass ein Prozess, eine Entwicklung, stattfindet. «Gossau hat eine solche Grösse erreicht, dass es nun gilt, städtische Herausforderungen zu meistern.» Städtisch bedeutet für Hasler auch Planungswille. Darum habe er angeregt, das Gossauer Zentrum nicht bei der Andreaskirche und an der St. Gallerstrasse zu entwickeln, sondern in Richtung Marktplatz und Bahnhof zu verlegen.

Die ländlichen Giebelhäuser im historischen Zentrum stehen für den Stadtentwickler nicht im Widerspruch mit einer städtischen Entwicklung. Städtisch, das bedeutet für Hasler das Privileg, viele Nutzungen auf relativ kleiner Fläche zu haben. Darum rät er der Verwaltung, das allfällige neue Zentrum verdichtet zu gestalten. «Aktuell ist die Weitläufigkeit des Gossauer Zentrums ein Problem.»

Das «Strassendorf» wächst rasch

Doch warum ist Gossau heute ländlich und städtisch zugleich? Karl Schmuki führt das auf die Geschichte Gossaus zurück. «1850 haben lediglich einzelne Häuser im heutigen Dorfkern gestanden.» Damals seien gegen 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig gewesen. Der Boden nördlich der St. Gallerstrasse eignete sich nicht für grosse Bauten, «es war ein sumpfiges Gebiet». Dennoch wuchs auch in Gossau die Bevölkerung, und die Lücke zwischen Oberdorf und Niederdorf wurde fortlaufend geschlossen. Während der Stickereiblüte, nach dem Jahr 1900, seien die ersten Seitenstrassen entstanden.

Der Erste und der Zweite Weltkrieg haben laut Schmuki die Bautätigkeit fast lahmgelegt. Danach, vor allem in den 1960er-Jahren, wuchs das «Strassendorf» wieder stärker. Diese Entwicklung sei vor allem der Ansiedlung der Grossverteiler im Industriegebiet zu verdanken. «Es gab neue Arbeitsplätze, es entstanden neue Quartiere.» Die Landwirtschaft sei aber stets ein wichtiger Teil Gossaus geblieben.

Heute fehlen der Stadt laut Schmuki unter anderem öffentliche Einrichtungen, wie etwa Institutionen des Kantons. Sie seien Elemente, die einen Ort zu einem Zentrum machen. Gleichwohl sieht Schmuki aber auch Ansätze, die Gossau städtischer machen, und nennt die Überbauung Neuring als Beispiel.