GOSSAU: Hungernde drängten nach Gossau

Wegen des winterlichen Sommers im Jahr 1816 gab es in Ostschweizer Kantonen viel Leid, Not, Hunger und Tote. In Gossau erging es den Menschen dank der Landwirtschaft aber besser als andernorts. Das zog Flüchtlinge an.

Sebastian Schneider
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Erinnerungen an 1816, das «Jahr ohne Sommer», wurden in diesem Bild festgehalten. Es ist im Schloss Oberberg zu sehen. (Bild: Michel Canonica)

Erinnerungen an 1816, das «Jahr ohne Sommer», wurden in diesem Bild festgehalten. Es ist im Schloss Oberberg zu sehen. (Bild: Michel Canonica)

GOSSAU. 30 Grad am Schatten. Was gestern Mittwoch der Fall war, davon konnten Gossauerinnen und Gossauer vor 200 Jahren nur träumen. Anstatt Badewetter gab es 1816 nach einem noch anständigen Frühling fast nur noch Kälte, Nebel, Regen und Schnee; «eine verderbliche Kälte», wie in den Oberberger Blättern 2008/09 zu lesen ist. Statthalter und Kantonsrichter Franz Anton Justin Schildknecht, der im Gossauer Zentrum lebte, schilderte das «Jahr ohne Sommer» und seine Auswirkungen in einem Tagebuch. Danach soll es in anderen Gegenden schlimmer zu und her gegangen sei als in Gossau. Die Stadt im Fürstenland wurde zum Zufluchtsort.

«Rache Gottes» führte zu Not

1816 und 1817 gingen als tragische Jahre für die Bevölkerung der Ostschweizer Kantone in die Geschichte ein. Wegen Missernten verhungerten allein im Kanton St. Gallen über 8000 Menschen. Gläubige vermuteten die Rache Gottes, andere gaben den jüngst eingeführten Blitzableitern die Schuld, wie die «Wiler Zeitung» in einem Bericht über die Geschichte Degersheims schreibt. Die Mutmassungen fussen auf Unwissen, die Ursache wurde erst später bekannt. 1920 will ein amerikanischer Forscher herausgefunden haben, dass der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 zur weltweiten Abkühlung geführt hat. Und so wurde in den ersten Sommermonaten auch in Gossau «alles Wachstum gehemmt, verdorben». Dass Not herrschte, zeigte sich dem Tagebuchschreiber vor allem daran, dass sogar der Pfarrer empfahl, am Schutzengelsonntag zu heuen. Als sich das schlechte Wetter im Herbst fortsetzte, gingen auch in Gossau die Vorräte zu Neige, Armut und Teuerung nahmen zu, und das Essen musste mehr und mehr aus dem Ausland eingeführt werden.

Flüchtlinge aus dem Toggenburg

Obschon Schildknecht von einem milden März 1817 berichtet, nahm die Not zu. Essen gab es nun auch aus Süddeutschland kaum mehr und nur noch für viel Geld. In Gossau sei Schweinefutter gegessen worden. Hungerleidende hätten in Schlachthöfen Blut und Knochen gesammelt, um «etwelchen Nahrungsstoff herauszupressen».

Selbst nach wieder besserer Ernte im Herbst 1817 blieb das Brot teuer. Schildknecht schreibt von «einzelnen Individuen» der zwölf Pfarreien im Bezirk Gossau, die den Hungertod erlitten – was verglichen mit industrialisierten Gegenden gemäss Schildknecht noch harmlos war. Historiker Karl Schmuki, dem die Schriftleitung der «Oberberger Blätter» seit 2001 obliegt, geht ebenfalls davon aus, dass Gossau nicht so sehr von der Hungersnot betroffen war wie andere Orte. «Gossau war damals landwirtschaftlich geprägt und konnte die Versorgung wohl noch eher gewährleisten.» Gossaus Vorräte weckten Begehrlichkeiten. Schildknecht schreibt, dass über eine Armensteuer gar eine Dorfwache finanziert wurde, die den «fremden Andrang» aus dem Toggenburg und aus dem Kanton Appenzell abwehren sollte.

Friedhof wurde nicht erweitert

Schon damals zeigten sich viele Menschen solidarisch und halfen sich gegenseitig. Zuwendungen gab es sogar aus Russland. Zar Alexander spendete 100 000 Silberrubel an die Ostschweizer Kantone. Das meiste Geld floss ins Toggenburg, wie Schildknecht schreibt. Das Schicksal blieb den Menschen 1817 dennoch nicht gewogen, brach Ende Jahr doch ein verheerendes Nervenfieber aus. Man sei wohl nie mehr so nahe daran gewesen, den Friedhof in Gossau zu erweitern, schildert Schildknecht. Trotz Hunger und Armut muss Gossau die Krisenjahre also so gut überstanden haben, dass die Erweiterung damals nicht nötig war.

Das Museum Herisau widmet der Hungersnot von 1816 eine Sonderausstellung bis zum 30. Dezember. Weitere Informationen unter www.museumherisau.ch