GOSSAU: «Etwas streng sein schadet nicht»

Roman Schmuki hat 35 Jahre lang Französisch am Gymnasium Friedberg unterrichtet. Der frisch pensionierte Lehrer erzählt über Humor, Bulimie-Lernen und Sterblichkeit.

Angelina Donati
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«Je pense donc je suis»: Roman Schmuki mags philosophisch. In seinem Unterricht durfte auch der Humor nie fehlen. (Bild: Ralph Ribi)

«Je pense donc je suis»: Roman Schmuki mags philosophisch. In seinem Unterricht durfte auch der Humor nie fehlen. (Bild: Ralph Ribi)

Angelina Donati

angelina.donati

@tagblatt.ch

 

Herr Schmuki, es gibt so viele verschiedene Schulen. Weshalb fiel Ihre Wahl auf das halb private und religiöse Gymnasium?

Ich hätte durchaus auch andere Möglichkeiten gehabt. Da ich selber bereits dort zur Schule ging, war mir das Umfeld bekannt. Auch die christliche Ausrichtung sagte mir zu. Was mir ebenfalls am Friedberg gefällt, ist das familiäre Miteinander.

War es kein seltsames Gefühl, mit den Lehrern in einem Team zu arbeiten, bei denen Sie einst zur Schule gingen?

Im ersten Moment bestimmt. Nahezu alle Lehrer waren damals noch Patres. So gesehen war es schon etwas speziell. Unser Team war aber immer super. Kurios war am Anfang allerdings, dass einige Patres mich aus Gewohnheit immer noch mit dem Vornamen ansprachen, dabei aber vergassen, mir zuerst das Du anzubieten.

Würden Sie heute wieder den Lehrerberuf wählen?

Auf jeden Fall. Mit gerade mal 19 Jahren durfte ich zum ersten Mal stellvertretend eine Klasse unterrichten. Obwohl die Übergabe nur rudimentär war, war ich nicht nervös. Vom ersten Tag an wusste ich, dass das mein Beruf ist. Heute aber sind die Bedingungen schon weniger ideal. Die Einflussnahme von allen möglichen Ebenen her erscheint mir grösser als früher. Was das Fach betrifft, hätte ich mir auch vorstellen können, Mathematik oder Latein zu unterrichten. Da aber das Latein nicht sonderlich beliebt war, wählte ich Französisch.

Französisch ist doch auch nicht sehr beliebt.

Das stimmt (lacht). Den Grund dafür suche ich immer noch. Ich vermute, dass es mit dem Frühfranzösisch zusammenhängen könnte. Es geht nicht vorwärts, und der Schüler kann sich keinen Überblick über die Sprache verschaffen. Das baut eine Frustration auf, die man später nicht mehr wegbringt. Die besten Resultate erzielte ich, wenn ich Schülern die französische Sprache von Beginn weg beibringen durfte.

Dann suchen Sie also gern die Herausforderung?

Auf jeden Fall. Dass Französisch derart unbeliebt werden würde, war mir aber nicht bewusst. Allerdings haben mich Sprachen schon immer fasziniert. Nebst Französisch und Italienisch habe ich auch Spanisch studiert. Ich bin sozusagen Voll-Romanist.

Unterscheidet sich die heutige Jugend von der früheren?

Es gibt durchaus Unterschiede. Die heutigen Jungen sind sich gewohnt, mehr selber entscheiden zu dürfen. Heute fragen die Eltern ihre Kinder, wo diese zur Schule gehen möchten. Verantwortung zu tragen ist gut, aber es setzt auch unter Druck. Ein Druck, unter dem die Jungen leiden. Sie tun sich schwer mit Entscheidungen. Manchmal hinterfragen sie ihre getroffene Wahl, brechen auch mal ihren eingeschlagenen Weg ab und beginnen wieder etwas anderes.

Ist das denn schlecht?

Früher entschied man sich intuitiv und zog es durch. Es lohnt sich auf alle Fälle, etwas zu Ende zu bringen. Alles hat doch seine Sonnen- und Schattenseiten. Bildlich gesprochen kommt es mir heute so vor, als sei man auf der Suche nach einem Gebäude, das von allen vier Seiten her von der Sonne bestrahlt wird.

Wie widerspiegelt sich die heutige Schnelllebigkeit im Unterricht?

Die Jungen beschäftigen sich nicht mehr gern lange mit der gleichen Sache, verlieren die Konzentration. Auch lernen sie oft nur erst kurz vor der bevorstehenden Prüfung. Zwar ist dieser grosse Effort bemerkenswert, und ich ziehe den Hut davor. Langfristig nützt den Schülern dies aber nicht viel. Man nennt es auch Bulimie-Lernen: So viel Stoff hineinstopfen, wie nur möglich, und danach alles wieder hergeben.

Hilft eine gewisse Strenge?

Durchaus. Ich gelte als strenger Lehrer, obwohl ich mich nicht so wahrnehme (lacht). Etwas streng sein kann nicht schaden. Man muss es gesamtheitlich betrachten. Wenn es für diejenigen, die immer zu spät ins Schulzimmer platzen, keine Konsequenzen gibt, fühlen sich jene, die sich korrekt verhalten, veräppelt.

Wenn Sie einen Film über Ihr 35-jähriges Dasein am Friedberg drehen würden, welche Szene dürfte nicht fehlen?

Wenn der Film eine lustige Handlung haben sollte, kämen mir verschiedene Situationen in den Sinn. Denn es war mir immer wichtig, dass im Schulzimmer eine heitere Stimmung herrschte.

Sie haben die halbe Welt bereist. Bringt das auch etwas für Ihren Beruf?

Schon als Student bin ich viel und gerne gereist. Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung. Man lernt neue Denkweisen und Lebensstile kennen. Richtig bereichernd. Am liebsten sind mir Länder, in denen ich meine Sprachkenntnisse anwenden kann. Dadurch erhalte ich vertiefte Einblicke in die Gesellschaft. Ein Kollege von mir sagt, dass man nur durch Reisen die Welt verstehen könne. Ich denke aber, dass man auch aus Büchern viel lernen kann.

Sie sind nun frisch pensioniert. Haben Sie Pläne?

Ideen habe ich viele. Nebst verschiedenen Reisen, würde ich gerne an einem Französisch-Lehrmittel arbeiten. Und ich möchte auch mehr Schach spielen und musizieren. Oder mich sozial engagieren. Mit der Pension beginnt aber zugleich auch der zweitletzte Lebensabschnitt. Es ist also nicht nur Jubel, Trubel und Heiterkeit. Man wird sich in grossem Masse seiner Sterblichkeit bewusst.

Das hört sich jetzt aber recht düster an.

Nein, überhaupt nicht. Ich bin nicht betrübt. Das Älterwerden einfach zu verdrängen, entspricht mir aber nicht. Und wichtig dabei ist auch, es mit Humor zu nehmen. Es gibt ja äusserst rüstige Senioren. Ein guter Grund und ein Ansporn für mich, um wieder fitter zu werden.