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GOSSAU: Ein Herz und eine Maschine

Hans Bürkler war sein Leben lang Sticker. Er hängt zwar an der Schifflistickmaschine, die seit 1912 im Familienhaus an der Bischofszellerstrasse steht. Für ein Museum würde er «seine Kollegin» aber hergeben.
Sebastian Schneider
Gäbe Stoff für ein Buch her: Hans Bürkler und die 105-jährige Stickmaschine. (Bild: Sabrina Stübi)

Gäbe Stoff für ein Buch her: Hans Bürkler und die 105-jährige Stickmaschine. (Bild: Sabrina Stübi)

Sebastian Schneider

sebastian.schneider@tagblatt.ch

Hans Bürkler bekommt nur mit Mühe ein Bein vor das andere. Stets mit einer Krücke unterwegs steigt der 86-Jährige auch nicht mehr oft die Stufen hinab in den Raum, wo sie steht. Sie, die über neun Meter lange und acht Tonnen schwere Schifflistickmaschine. Sie ist die letzte, die es in Gossau noch gibt. Und Hans Bürkler ist der letzte Schifflisticker im Dorf. «Sie ist meine Kollegin, immer noch», sagt er und klopft auf das Schwungrad neben dem Antriebsmotor. 66 Jahre lang hat er auf ihr gestickt. Dabei haben die bis zu 680 Nadeln Stoffe bestickt für Tausende Tüchlein, Deckeli und Bordüren. Millionen von Stichen hat die Maschine gemacht und so den Lebensunterhalt der Familie Bürkler in zwei Generationen gesichert. Denn bereits Hans Bürklers Vater hatte als Lohnsticker an dieser Maschine gearbeitet, was genug Geld einbrachte, um fünf Kinder grosszuziehen. «In guten Zeiten hat man mit dieser Arbeit nicht schlecht verdient», sagt Hans Bürkler. Aber es gab auch sehr schlechte Zeiten, wie etwa während der Ölkrise 1973 oder während des Zweiten Weltkriegs.


Die Adolf-Saurer-Maschine von 1911 wurde 1912 auf Betonsockeln im Familienhaus der Bürklers aufgerichtet und seither nur einmal, im Jahr 1971, revidiert. Das fast unzerstörbare mechanische Meisterwerk ratterte heute noch, würde Hans Bürkler sie unterhalten und schmieren. Doch seit zwei Jahren ist mit Aufträgen definitiv Schluss. Und da er seither mit einem Papierstoff sticken müsste, hat Bürkler endgültig genug bekommen. «Die Maschine ist nicht für diesen Papierstoff konstruiert, die Fäden reissen ständig.» Die Maschine bleibt dennoch Bürklers Lebensinhalt, und die Freude und der Stolz sind ihm anzusehen, wenn er über seine Arbeit spricht.

Die Maschine hat viele Bewunderer

Hans Bürkler, der 1949 die Stickereifachschule in St. Gallen abschloss, würde seine 105-jährige Kollegin auch nie einfach so weggeben. Auch wenn er wegen ihr einen verkürzten Mittelfinger und einen gekrümmten Zeigefinger an der linken Hand hat. «Solange ich lebe, bleibt die Maschine hier», sagt Hans Bürkler. Er hätte allerdings nichts dagegen einzuwenden, wenn das Schwergewicht einen Platz in einem Museum bekäme. Ein bisschen Museumscharakter hat das Familienhaus, das in der Schönau im Ortsbild-Inventar aufgeführten Stickerdörfli steht, alleweil schon. Unzählige Male sind Schulklassen in die alte Werkstube gekommen, um das mechanische Wunderwerk zu bestaunen. Und 2012, zum 100-Jährigen der Maschine, demonstrierte Hans Bürkler zahlreichen Gästen, wie die Maschine seine Befehle am Handhebel, am Pantografen, auf das Tuch umsetzte. Stadtparlamentspräsidentin Monika Gähwiler-Brändle ist laut Bürkler ebenfalls am Jubiläum gewesen. Vom Zeitzeugen muss auch die Politikerin angetan gewesen sein, denn am «Tagblatt»-Podium Ende Oktober sagte sie als Stadtratskandidatin, dass diese Maschine eigentlich in ein Museum gehöre.

Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
Hans Bürkler und seine letzte Schifflistickerei-Maschine (Bild: Sabrina Stübi)
11 Bilder

Der Schifflisticker aus Gossau

Gelten die Vorsätze des Stadtrats noch?

Neu ist die Idee, die Maschine auszustellen, ja nicht. Der ehemalige Stadtentwickler Clemens Lüthi wollte bereits im Jahr 2011 einen Raum beschaffen, wo Zeitzeugen wie Bürklers Maschine ausgestellt werden. Und der Stadtrat hat sich im Kulturkonzept, das er 2008 erlassen hat, vorgenommen, «lokalpolitisch wichtige» Objekte zu kaufen. Bei der Sulzer-Dampfmaschine des ehemaligen Bauunternehmers Willy Epper hat er dies getan und sie 2009 für 20000 Franken erstanden. Heute steht die Dampfmaschine aus dem Jahr 1904 im Restaurant Freihof. Hans Bürkler macht sich für den Weitererhalt seiner Kollegin indessen nicht sehr viele Hoffnungen. «Ich habe keine Ahnung, ob es heute überhaupt noch einen Mechaniker gibt, der die Maschine demontieren und neu aufstellen kann», sagt Bürkler fröhlich, aber nachdenklich zugleich.

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