Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

GOLDACH: Die «Reeperbahn» an der Goldach

Über 250 Jahre lang wurde in der Region das Seilereihandwerk ausgeübt. Vor mehr als 60 Jahren musste in Goldach das letzte Seilereiwerk die Tore schliessen.
Otmar Elsener
Das Verkaufslokal Wisiak im Jahr 1910 im Haus St. Gallerstrasse 1, dem heutigen Geschäftshaus «zur Palme». Hier führte Wisiak auch das Restaurant Palme. (Bild: Fausel-Wieber)

Das Verkaufslokal Wisiak im Jahr 1910 im Haus St. Gallerstrasse 1, dem heutigen Geschäftshaus «zur Palme». Hier führte Wisiak auch das Restaurant Palme. (Bild: Fausel-Wieber)

GOLDACH. Seilerei Franz Wisiak? Wem ist dieser Name noch geläufig? Ein alter Plan im Goldacher Rathaus zeigt östlich nahe der Goldach einen langgestreckten Bau. Ist es tatsächlich die einstige Seilerbahn von Wisiak? Nur nach langem Suchen lässt sich im Grundbuch- und im Bauamt Goldach der Name des einst schweizweit bekannten Seilereiunternehmens finden.

Das Herstellen von Seilen aus Hanf ist ein uraltes Gewerbe und war an Flüssen, an Seen und am Meer für die Schifffahrt ein notwendiges Handwerk. Seilerbahn heisst niederdeutsch Reeperbahn – das berühmt-berüchtigte Hamburger Vergnügungsviertel war einst die Seilerbahn in der Zeit der Segelschiffe.

Seilereien belieferten Schiffsleute und Steinhauer

Die Hanffaser besitzt eine grosse Reissfestigkeit, kann Wasser aufnehmen und fühlt sich trotzdem trocken an. Hanf eignet sich daher für die Herstellung von Seilen, Netzen, Säcken und Segeltüchern. Da vor Jahrhunderten viel Hanf in unserer Gegend angebaut und versponnen wurde, war es naheliegend, dass auch hier Seilereien entstanden, die für Segelschiffe auf dem Bodensee Hanfseile anfertigten.

Bereits 1698 ist ein Seilermeister namens German verzeichnet als Mitbegründer der damaligen Handwerkerzunft, des heute über 318 Jahre alten Gewerbevereins Rorschach. Generationen von Schiffsleuten auf den Bodensee-Lädinen und Steinhauer in den vielen Sandsteinbrüchen benützten gewiss Hanfseile, die lokale Seilerhandwerker geflochten hatten. Ein einziger Betrieb, die Seilerei Frank Wisiak, überlebte bis ins 20. Jahrhundert.

Franz Wisiak-Walter, ein junger Seiler, machte sich 1886 selbständig und kaufte die damalige Seilerei Raggenbass, die sich im Gut befand, zwischen der heutigen Löwengartenstrasse und der St. Galler Bahnlinie. Vier Jahre später zügelte er in einen Betrieb an der Mündung der Goldach, etwa am Standort der heutigen Badi. Verkauft wurden die Seile in eigenen Geschäften in den heute längst verschwundenen Hotels Krone und Schiff an Rorschachs Hauptstrasse.

Franz Wisiaks Seilerbahn am Fluss

Wisiak war ein tüchtiger Berufsmann; für seine Arbeiten gewann er bereits zehn Jahre später an der Landesausstellung 1898 eine silberne Medaille. Zuvor schon hatte er den Standort an der Mündung der Goldach aufgegeben und weiter südlich oberhalb der Bahnlinie die Fabrik neu aufgebaut, im heutigen Industriegebiet, das damals als «wilde und wüste Gegend, ein Eldorado der Zigeuner und Kesselflicker» beschrieben wurde. Die gedeckte Seilerbahn erstreckte sich entlang den heutigen Hallen der Stürm an der Chogenaustrasse, wenige Meter vom Fluss entfernt. Das Gebäude war nach Westen offen; Spaziergänger konnten zusehen, wie auf der langen Bahn die Hanfschnüre zu Seilen gedreht wurden.

Den Hanf für die Produktion kaufte Wisiak in Italien und Ungarn, der Hanfanbau war in der Region längst aufgegeben worden. In Rorschach bezog Wisiak neue Verkaufsräume an der St. Gallerstrasse und betrieb darin gleichzeitig das Restaurant Palme (heute Geschäftshaus Palme).

Lieferant für die Armee und Weltfirmen

1924 übergab Franz Wisiak den Betrieb seinem 37jährigen Sohn Franz Wisiak-Plachter, der sich nach der Lehre in den klassischen Städten des Seilereihandwerks in Kiel, Hamburg, Lübeck und Triest weitergebildet hatte. Wisiak junior installierte neue Maschinen, verlängerte und betonierte die Gleisanlage seiner Bahn auf 170 Meter Länge und machte sie so zur besteingerichteten Seilerbahn der Schweiz. Er beschäftigte gute Berufsleute: Ernst Schwarz, der spätere langjährige Leiter des kantonalen Schifffahrtsamtes im Kornhaus, war bei Wisiak einst Seilerlehrling.

Die Qualität und die Sicherheit von Wisiaks Seilen und Drähten sprach sich herum. Grossunternehmen der Maschinenindustrie sowie Hoch- und Tiefbaufirmen wurden zu seinen Kunden. Die SBB, die Post, Schifffahrtsbetriebe und auch die Schweizer Armee kauften Wisiak-Seile und -Drähte.

Ein Foto von 1948 zeigt Wisiak-Lastschlingen, an denen in einer Montagehalle von Brown Boveri ein schweres Turbinenrad hängt. Ein anderes Bild: Wisiak-Verladenetze, voll von Gütern, die in einen Hochseefrachter geladen werden. Die Reissfestigkeit der Hanfseile war enorm; ein Spezialprodukt war ein Seil mit zwölf Zentimetern Durchmesser und einer Reissfestigkeit von 60 Tonnen. «Tausende von Rettungs- und Sicherheitsnetzen, Strickleitern, Gletscherseilen und Lastschlingen verlassen jährlich die Werkstätten» schrieb das Tagblatt 1948.

Ein starker Bär auf einem W als Logo

Aus gesundheitlichen Gründen war Franz Wisiak 1955 gezwungen, das Unternehmen an die damalige Seilindustrie Schaffhausen zu verkaufen. Das bedeutete das Ende einer langen hiesigen Seilereitradition. Die Schaffhauser übernahmen die Einrichtungen und schlossen den Betrieb in Goldach sowie die Werkstätte an der Trischlistrasse 14 in Rorschach. Hier konnte im Hof noch lange das Logo der einstigen Seilerei bewundert werden: Ein Bär, Zeichen der Kraft und Stärke, mit einem Seil in den Pranken auf einem stilisierten W stehend. Wisiaks Land und Gebäude an der Goldach kaufte der Rorschacher Eichmeister Karl Keller.

Zwei Jahre später starb der allseits beliebte Seilermeister Franz Wisiak 70jährig auf einer Ferienreise an der Ostsee.

Blick auf die 170 Meter lange Seilerbahn mit fahrbarer Litzenmaschine in der Seilerei Wisiak. (Bild: H. Labhart (Rorschacher Monatschronik 1955))

Blick auf die 170 Meter lange Seilerbahn mit fahrbarer Litzenmaschine in der Seilerei Wisiak. (Bild: H. Labhart (Rorschacher Monatschronik 1955))

Eine der letzten Spezialarbeiten der Seilerei Wisiak, ein Seil mit 120 Millimeter Durchmesser und einer Reissfestigkeit von 60 000 Kilo. (Bild: Koch (Rorschacher Monatschronik 1955))

Eine der letzten Spezialarbeiten der Seilerei Wisiak, ein Seil mit 120 Millimeter Durchmesser und einer Reissfestigkeit von 60 000 Kilo. (Bild: Koch (Rorschacher Monatschronik 1955))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.