GOLDACH: Alle müssen raus

Das Hochhaus an der Haini-Rennhasstrasse in Goldach wird saniert. Ein Jahr haben die Bewohner Zeit, um eine neue Bleibe zu finden. Einige unter ihnen verlieren damit nicht nur ihr Zuhause, sondern auch die Selbstständigkeit. Sie ziehen ins Altersheim.

Janina Gehrig
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«So eine Aussicht werden wir nie wieder haben»: Andreas und Marianne Willi. (Bilder: Janina Gehrig)

«So eine Aussicht werden wir nie wieder haben»: Andreas und Marianne Willi. (Bilder: Janina Gehrig)

Janina Gehrig

janina.gehrig@tagblatt.ch

Beim Eingang des Hochhauses an der Haini-Rennhasstrasse 15 in Goldach steht ein Lieferwagen voller Zügelkisten. «Die Ski müssen auch noch mit», ruft eine Frau. Sie zieht noch heute mit ihrer Familie aus dem Quartier weg. 16 Jahre lang hat sie im 12. Stock gewohnt. Schade sei es, sagt sie, und hastet weiter. Freiwillig ziehen sie und die anderen Mieter der insgesamt 58 Wohnungen nicht aus. Im April haben alle einen Kündigungsbrief erhalten. Bis Ende März 2018 müssen sie weg, weil das Hochhaus aus den 1970er-Jahren saniert wird.

Für Lisa Vaccari, die soeben ihr Auto auf einem der Parkplätze abgestellt hat, war das ein «Riesenschock». Sie sei erst vor zweieinhalb Jahren mit ihren zwei Kindern und dem Hund hier eingezogen. Die Nähe zur Sportanlage Kellen, zum Fluss und zur ÖV-Haltestelle habe sie sehr geschätzt. «Keiner will hier weg», sagt Vaccari, die im August auszieht. «Es war schwierig, eine neue Wohnung zu finden, in der Haustiere erlaubt sind.»

Kaputte Lifte und rostiges Wasser

Weniger eilig mit dem Auszug hat es Hermine Eggerschwiler. Die Rentnerin wohnt seit 30 Jahren in einer 3,5-Zimmer-Wohnung im vierten Stock. Die Plättli in Küche und Bad, die einst in «Braun wie eine faule Ananasscheibe» gehalten waren, hat sie längst mit weisser Farbe übermalen lassen, den alten Boden neu verlegt. Eggerschwiler wollte sich keine neue Wohnung suchen. Neubauwohnungen seien zu teuer, in Altbauten fehle oft ein Lift. So wird sie ihre Möbel bei einem Transportunternehmen einstellen und mit ihrem Hund bei einer Freundin unterkommen, bis die Wohnungen saniert sind. «Ich möchte unbedingt zurückkehren», sagt sie. Eggerschwiler hat mit der Kündigungsnachricht der Verwaltung, der Regimo St. Gallen AG, gerechnet. Die Sanierung sei nötig. «Die Lifte waren immer wieder kaputt, aus den Leitungen kam manchmal Rostwasser.»

So einfach wie Eggerschwiler finden sich die wenigsten mit der Kündigung ab. Elf Stockwerke weiter oben wohnt das Ehepaar Willi. Altkleidersäcke und Kisten stapeln sich in ihrer 4,5-Zimmer-Wohnung. Andreas Willi führt auf den Balkon, fährt mit der Hand übers Geländer. «So eine Aussicht werden wir nie wieder haben», sagt er. 15 Jahre lang hätten sie hier gewohnt, in vier Wochen ziehen sie aus. Sie seien traurig, und auch überrascht. «Wer vor September auszieht, musste den Mietvertrag einhalten, also eine dreimonatige Kündigungsfrist samt Vollreinigung», sagt Willi und schüttelt den Kopf; er versteht das nicht.

Es gebe Mieter, die erst vor wenigen Monaten eingezogen und damals nicht über die bevorstehende Sanierung informiert worden seien, ist im Haus zu hören. Gegen diese Kritik wehrt sich Bruno Fritschi, Portfolio-Manager der Anlagestiftung Turidomus in Zürich, der die Liegenschaft gehört. «Unsere Verwaltung hat niemandem vorenthalten, dass eine Sanierung ansteht. Der Zeitpunkt steht noch nicht lange fest», sagt er. Man sei daran interessiert, möglichst vielen Mietern ein Zurückkehren ins Hochhaus zu ermöglichen. Bereits hätten über zehn Parteien Interesse angemeldet. Nicht nur die Wohnungen werden saniert, auch die Haustechnik wird erneuert, es sollen neue Lifte und eine neue Heizung eingesetzt werden, die Gebäudehülle bekommt einen neuen Anstrich, die Betonbalkone teilweise eine Glasbrüstung. Die Sanierung werde vier, maximal sechs Monate dauern.

Eine neue Wohnung suchen ist zu viel für sie

Auch Willis überlegen sich noch, ob sie ins Hochhaus zurückkehren, wenn es umgebaut ist. Dies sei für die Ältesten unter ihnen kaum möglich. Einige würden in betreute Wohneinrichtungen ziehen, andere sind auf der Warteliste für einen freien Platz in einem Altersheim. Verunsichert ist auch die 82-jährige Nelly Delgrosso aus dem achten Stock. Eine neue Wohnung suchen, umziehen, sich wieder einrichten, das sei zu viel für sie, sagt die Witwe. «Ich hatte gehofft, noch ein paar Jahre hier bleiben zu können.» Stattdessen ziehe sie nun ins Altersheim. Was mit all den Möbeln und Erinnerungsstücken passiere, wisse sie noch nicht. «Man hat mir nur ein kleines Zimmer zugesagt», sagt sie und zieht die Tür hinter sich zu.

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