GLOBALISIERUNG: «Essen ist nicht Privatsache»

Was auf den eigenen Teller kommt, hat Auswirkungen über den Tellerrand hinaus. An einem Podium im Naturmuseum diskutierten Experten übers Essen.

Roger Berhalter
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Veganes Essen muss nicht kompliziert sein und schmeckt. (Bild: pd)

Veganes Essen muss nicht kompliziert sein und schmeckt. (Bild: pd)

Zur Vorspeise gibt’s ein paar Zahlen: 52 Kilo Fleisch isst jede Schweizerin und jeder Schweizer pro Jahr. 30 Prozent der Lebensmittel landen in der Schweiz im Abfall. Um ein Kilo tierisches Eiweiss herzustellen, braucht es fünfmal so viel Landfläche wie für ein Kilo pflanzliches Eiweiss.

Dann serviert Martin Läubli den Hauptgang. Der Wissenschaftsjournalist des «Tagesanzeigers» moderiert an diesem Mittwochabend im Naturmuseum eine Podiumsdiskussion zum Thema «Moral auf dem Teller». Er diskutiert mit der Theologin Christina Sasaki Wallimann, der Philosophin und Veganerin Sonja Dänzer, dem SVP-Kantonsrat Mike Egger von der IG Fleisch und Fisch sowie mit Geert van Dok von der Entwicklungsorganisation Helvetas.

Viele wissen nicht, wie vegan geht

Es geht sogleich um grosse Fragen, denn die Zusammenhänge in der Nahrungsmittelindustrie sind komplex und global. «Essen ist nicht Privatsache», sagt deshalb Sonja Dänzer. «Unsere Handlungen haben Auswirkungen über den Tellerrand hinaus.» Deshalb sei es nicht nahhaltig, wenn jeder Konsument mache, was er wolle. Dänzer, die unter dem Label «The Green Fairy» vegane Glace verkauft, wirbt für einen genussvollen Umgang mit dem Essen. «Es ist ein Vorurteil, dass pflanzliche Ernährung mit Verzicht verbunden ist.» Sie empfiehlt den rund 70 Zuhörern, sich doch einmal in ein veganes Kochbuch zu vertiefen. «Wir müssen lernen, fein vegan zu kochen! Viele wissen gar nicht, wie das geht.» Vegan sei eben mehr, als auf dem Teller einfach das Plätzli wegzulassen.

Beim Thema Fleisch ist Mike Egger angesprochen, der beim Fleischproduzenten Micarna arbeitet. Er plädiert vor allem für Aufklärung und Information. Man müsse den Konsumenten erklären, welche Auswirkungen die Lebensmittelverschwendung habe oder warum saisonales Einkaufen wichtig sei. «Weniger ist manchmal mehr, auch das müssen wir den Konsumenten klarmachen.» Egger sieht auch den Gesetzgeber in der Pflicht, sieht aber viele Vorschriften auch kritisch. «Ein Schweinezüchter darf seinen Tieren heute keine Küchenabfälle mehr verfüttern. Dafür muss er dann mehr Futter kaufen. Das verstehe ich nicht.»

Food Waste ist politisch gewollt

Geert van Dok äussert sich ebenfalls kritisch über gewisse Regulierungen. Für ihn sei das Essen auf dem Teller kein moralisches, sondern ein politisches Problem. Beispiel Frischhaltedatum: «Nach diesem Datum darf ein Lebensmittel nicht mehr verkauft werden. So wird das Wegwerfen von Lebensmitteln positiv sanktioniert.» Andernorts würden gesetzliche Regelungen aber Sinn machen. Es könne beispielsweise nicht sein, dass man aus Brasilien Soja für Tierfutter importiere, während dort Menschen verhungerten.

Van Dok betont, dass die Diskussion um fairen Handel in den letzten Jahrzehnten ein Umdenken bewirkt habe. «Auch die grossen Lebensmittelkonzerne achten heute darauf, dass sie soziale und ökologische Standards einhalten.» Alles andere könnten sie sich nicht mehr leisten.

Für Christina Sasaki Wallimann steht beim Essen der Genuss im Vordergrund. Sie erzählt von Rüebli, die so viel Tiefgang wie ein guter Wein haben, und sie plädiert für mehr Neugier und Kreativität im Umgang mit (neuen) Lebensmitteln. Sie könne die theologische Sicht nicht vom Essen trennen: «Ein zentrales Ritual in der Kirche hat mit Ernährung zu tun.»

Vorschriften allein helfen nicht weiter

In einem sind sich alle Diskutierenden einig: Schweizerinnen und Schweizer verbrauchen zu viele Ressourcen, also auch zu viele Lebensmittel. Auf die Frage des Moderators, wie man das Verhalten ändern könnte, gibt es keine klaren Antworten. «Vorschreiben kann man niemandem, wie er sich ernähren soll», sagt Mike Egger. «Essen ist sehr emotional und mit vielen Erinnerungen an die eigene Kindheit verbunden», sagt Sonja Dänzer. «Deshalb sind Verhaltensänderungen auch so schwierig zu erreichen.»

Zum Dessert gibts nach der Podiumsdiskussion Biowein und nachhaltige Häppchen aus fairem Handel.

«Wir essen die Welt» noch bis 15. Oktober

Während die Menschen in Industriestaaten im Überfluss leben und ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel im Abfall landen, fehlt es in der Dritten Welt am Nötigsten. Warum ist das so? Diese Frage versucht die Sonderausstellung «Wir essen die Welt» im Naturmuseum zu beantworten. Die Wanderausstellung der Entwicklungsorganisation Helvetas vermittelt mit Karten, persönlichen Geschichten und einem Blick in die Zukunft Wissenswertes über Genuss, Geschäft und Globalisierung. Die Ausstellung ist als kleine Weltreise in acht Länder konzipiert und noch bis 15. Oktober zu sehen. (ghi)