Gewalt ohne verlässliche Statistik

Bei Sportveranstaltungen hätten Gewalttaten «markant zugenommen». So heisst es in einem Bericht der St. Galler Regierung. Der «Beobachter» hat Zahlen erhoben, die das Gegenteil zeigen.

Andreas Kneubühler
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«Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen hat auch im Kanton St. Gallen in den letzten Jahren stark zugenommen.» So steht es in der Zusammenfassung des Berichts «Sicherheit im Umfeld von Sportveranstaltungen» der St. Galler Regierung vom Mai 2011. Die Aussage wird auf den 28 Seiten mehrmals wiederholt. Anders als in vergleichbaren Regierungsberichten – etwa zur Entwicklung der Kriminalität – sind zur Kernaussage aber keine Statistiken zu finden, die eine Zunahme belegen würden. Zahlen werden allerdings trotzdem präsentiert: Solche, die zeigen, wie stark der Aufwand der Polizei gestiegen ist.

Ein Delikt auf 750 000 Zuschauer

Gibt es in der Schweiz einen kontinuierlichen Anstieg von Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen? Der «Beobachter» wollte es genauer wissen. Die Zeitschrift liess vom Bundesamt für Statistik die Kriminalstatistiken auswerten. Das Ergebnis: 2009 kam es zu 327 Verzeigungen wegen Gewaltstraftaten. «Gerade mal fünf dieser Verzeigungen betrafen Fälle von schwerer Gewalt», schreibt der «Beobachter» und rechnet vor: 2009 fanden in den beiden höchsten Spielklassen der Eishockey- und Fussballmeisterschaft 950 Spiele statt, die von über vier Millionen Zuschauern besucht wurden. Damit komme eine schwere Gewalttat auf rund 750 000 Zuschauer, folgert der «Beobachter».

Aufmerksamkeit der Medien

Eine weitere Erkenntnis: Von 2009 auf 2010 seien in der Schweiz die Verzeigungen rund um Sportveranstaltungen um sieben Prozent zurückgegangen. Die Zeitschrift ortet den Grund für die konträre Wahrnehmung bei der medialen Aufmerksamkeit. Es gebe bei solchen Ereignissen fast immer Bilder, die verbreitet würden und Politik und Verantwortliche zu Reaktionen zwängen.

Schiedsrichter verprügelt

Tatsächlich ist Gewalt bei Sportveranstaltungen kein neues Phänomen. «In den 1960er-Jahren lässt sich die Gewalt auf Fussballplätzen als ein Überborden beschreiben, wie sie der testosterongesteuerten Männerwelt eigen ist», heisst es dazu etwa im Buch «Zuschauer der Schweizer Nationalmannschaft». Auch in St. Gallen gab es immer wieder gravierende Fälle: In den 70er-Jahren musste ein Spiel des FC St. Gallen abgebro- chen werden, weil ein Zuschauer aufs Feld gestürmt war und den Schiedsrichter niedergeschlagen hatte. Nach einem Match gegen Neuenburg Xamax musste 1985 ein anderer Schiedsrichter vom Espenmoos mit dem Helikopter vor Fans gerettet werden.

Einschätzungen statt Zahlen

Die Recherchen des «Beobachter» legen den Schluss nahe, dass sich die Zahl der Verzeigungen wegen Gewaltstraftaten gesamtschweizerisch in einem kleinen Rahmen bewegt und von 2009 auf 2010 sogar abnahm. Auf welche Daten stützte sich die St. Galler Regierung in ihrem Bericht ab? «Wir haben dazu keine Zahlen», räumt Hans-Rudolf Arta, Generalsekretär des Sicherheits- und Justizdepartements, ein. Die vom «Beobachter» verwendete Statistik der Verzeigungen sei allerdings nicht sehr aussagekräftig, argumentiert er: Nur ein kleiner Teil der Straftaten werden nämlich verzeigt.

Vielleicht ist der Abstieg schuld

Massgebend für den Bericht seien Einschätzungen der Kantonspolizei, die ein hohes Niveau der Gewaltbereitschaft feststelle. Die These, dass es nicht unbedingt mehr Straftaten als früher gebe, dass aber die mediale Aufmerksamkeit höher sei, stimme nicht, erklärt Arta. Er verweist auf die Fanmärsche zum Stadion mit vielen Vermummten, bei denen Pyros gezündet würden und es zu Sachbeschädigungen komme. Dies sei ein neues Phänomen.

Generell habe sich aber die Situation im Kanton St. Gallen stabilisiert, weiss der Generalsekretär. Es sei sogar ein leichter Rückgang feststellbar, allerdings könnte dabei auch der Abstieg des FC St. Gallen eine Rolle spielen.

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