GESUNDHEIT: «Die Menge macht das Gift»

Prävention ist eines der diesjährigen Schwerpunktthemen von Heidi Hanselmann. Die St.Galler Gesundheitschefin über Verbote, Fast Food und Bewegung beim Zähneputzen.

Katharina Brenner, Regula Weik
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Gesundheitschefin Heidi Hanselmann in ihrem Büro in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Gesundheitschefin Heidi Hanselmann in ihrem Büro in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Katharina Brenner, Regula Weik

ostschweiz@tagblatt.ch

Heidi Hanselmann, was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Ich nahm mir vor, an den Wochenenden wieder regelmässig zu joggen. Bislang halte ich den Vorsatz ein. Ich bin in der Freizeit viel in der Natur, auf Ski- oder Klettertouren. Und: Ich vermeide Lifte und Rolltreppen, wenn immer möglich.

Streng, verbissen, freudlos – dieses Image haftet der Prävention oft an.

Gesundheitsapostel – in diese Ecke wurde lange gedrängt, wer sich für Prävention engagierte. Als ich 2004 als Gesundheitschefin anfing, wurde die Prävention stark belächelt. Heute achten viele, vor allem auch junge Menschen, stärker auf sich. Man möchte fit und gesund sein. Heute sind die Leute Präventionsthemen gegenüber offener als früher.

Sind Präventionsdebatten heute weniger ideologisch geprägt?

In der Bevölkerung insgesamt ja. Gesundes Essen in der Mensa der Kantonsschule ist heute ein Thema bei den Jugendlichen. In der Politik sieht es etwas anders aus. Wenn es um die Finanzierung von Präventionsprojekten geht, melden sich die Hardliner. Sie finden, man gebe zu viel Geld dafür aus – zu viel für etwas, dessen Nutzen sie nicht sehen.

Gibt es Beweise für diesen Nutzen?

Es gibt verschiedene Studien, die belegen, dass Prävention wirkt. Bei der Tabakprävention ist der Nutzen 1:28.

Einen Franken in die Raucher­prävention zu investieren, erspart 28 Franken Gesundheitskosten?

Ja, ein Präventionsfranken kommt volkswirtschaftlich 28mal zurück – weniger Krankheiten, weniger Absenzen am Arbeitsplatz.

Sind diese Studien die Reaktion auf die Kritik, Prävention sei nutz- und wirkungslos?

Das ist so. Prävention im Strassenverkehr, beim Alkohol oder bei Karies hat sehr viel gebracht. In den 1960er-Jahren hatten Kinder durchschnittlich neun Löcher in den Zähnen, heute haben sie keine mehr. Prävention wirkt nicht unmittelbar. Sie ist eine langfristige Investition. Erfolge werden oft erst Jahre oder Jahrzehnte später sichtbar.

Hat sie es deshalb schwierig in der Politik? Diese setzt sehr häufig auf rasche Erfolge.

Das ist ein Knackpunkt. Deshalb müssen wir die Resultate, die wir haben, öffentlich machen und darauf aufbauen. Bei der HIV-Prävention kommen pro investiertem Franken vier Franken zurück. Beim Alkohol ist das Verhältnis 1:11.

Unterliegt Prävention Trends?

Gesundheitsförderung soll nachhaltig sein. Das ist ihre Aufgabe und dann ist sie sinnvoll. Deshalb setzt sie beim Verhalten und den allgemeinen Strukturen an. Nehmen wir das Rauchen: Auch wenn es künftig, was ich nicht hoffe, wieder mehr Raucher geben sollte, das Rauchverbot in den Restaurants und Zügen als strukturelle Vorgabe wird bleiben. Ausser es gäbe eine politische Umwälzung. Das hoffe ich natürlich nicht, denn Schutz vor Passivrauchen wirkt. Wer gesund alt werden will, sollte früh damit beginnen. Wer sich genügend bewegt, hat bereits viel dafür getan, sein Ziel zu erreichen.

Was heisst genügend bewegen?

Das variiert nach Alter. Erwachsene sollten sich rund zwei Stunden pro Woche bewegen, und zwar so, dass Atmung und Kreislauf in Schwung kommen.

Das tönt anstrengend und aufwendig.

Das Aufwandargument lasse ich nicht gelten. Bewegung lässt sich spielerisch in den Alltag integrieren. Treppe steigen statt Lift fahren, eine Haltestelle früher aus dem Bus steigen und den restlichen Weg ins Büro laufen. Oder beim Zähneputzen das Bein hoch aufs Lavabo, und schon hat man die Muskeln gedehnt und Balance geübt. Wir reden nicht von stundenlangen Spitzenleistungen. 20 Minuten Bewegung pro Tag ist gut.

Ist es Aufgabe des Staates, die Bevölkerung zu einem gesunden Leben anzuleiten?

Wir gehen von selbstbestimmten Bürgerinnen und Bürgern aus und appellieren an die Selbstverantwortung. Aufgabe des Staates ist es aber, die Umgebung so zu gestalten, dass der Einzelne für sich gute und gesunde Entscheidungen treffen kann. Es muss attraktiv sein, mit dem Velo zur Arbeit zu fahren, statt ins Auto zu steigen. Kinder müssen sicher zu Fuss in die Schule gelangen, sonst werden sie von den Eltern gefahren. Wenn ein gesundes Kind aufhört, sich zu bewegen, hat das meist mit einem unattraktiven Umfeld zu tun. Das Gleiche gilt übrigens auch für ältere Menschen. Der schönste Spazierweg nützt ihnen nichts, wenn es keine Sitzbank zum Ausruhen hat.

Das Parlament erachtet Präventionsanliegen solange für wichtig, als Geld in der Staatskasse ist. Muss gespart werden, werden die Projekte subito wieder gestrichen.

Ich wünsche mir, dass ein Umdenken stattfindet. Dass Politikerinnen und Politiker wissen wollen, wofür der Präventionsfranken eingesetzt wird, finde ich richtig. Das gibt uns die Chance aufzuzeigen, was getan wird und was wirkt. Die Politik darf aber auch nicht die Augen vor dem langfristigen Benefit und dem damit verbundenen Sparpotenzial verschliessen. Umgekehrt müssen wir Projekte stoppen, die nicht wirken.

Gibt es im Kanton St. Gallen Projekte, die deswegen aufgegeben worden sind?

Nein. Smart connection, ein innovatives Projekt für Alkoholprävention bei Jugendlichen, mussten wir leider stoppen, aber wegen des Spardrucks.

Sollte das vorhandene Geld nicht besser in die Behandlung von Krankheiten und die Rehabilitation gesteckt werden?

Keinesfalls, aber ich möchte die Gebiete nicht gegeneinander ausspielen. Für mich ist es wichtig, dass der Wert der Prävention breit erkannt und akzeptiert wird. Die Zeichen dafür stehen gut. Das Departement von Bundesrat Alain Berset hat für die Krankheitsverhütung mehr Geld zur Verfügung gestellt. Für das laufende Jahr wurde der Beitrag auf 3.60 Franken erhöht, 2018 wird er auf 4.80 Franken pro Einwohner und Jahr erhöht.

Wird dieses Geld nach dem Giesskannenprinzip an die Kantone ausgeschüttet?

Nein, die Kantone müssen Projekte einreichen. Wer das Geld nicht für eigene Projekte abholt, profitiert nicht. Er finanziert dann indirekt die Projekte anderer Kantone. Wir reichen demnächst die Aktionsprogramme «Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen» und «Gesundes Alter» ein, beide bedeutende Themen der Zukunft. Die Programme werden von der Gesundheitsförderung Schweiz geprüft und dort wird entschieden, ob der Beitrag gesprochen wird.

Da hat St. Gallen beste Chancen: Sie sind Präsidentin der Stiftung.

Wenn es um die Beurteilung unserer eigenen Projekte geht, trete ich selbstverständlich in den Ausstand.

Wenn ich mich im Auto nicht anschnalle, werde ich gebüsst. Droht mir das künftig auch, wenn ich mich ungesund ernähre?

Nein, und das ist richtig so. Ich möchte auch nicht gebüsst werden, wenn ich mich ungesund ernähre. Wichtiger ist, sich über alle Lebensbereiche in der Balance zu halten: Mal Fast Food und sich dafür bewegen – das ist auch okay.

Also runter mit dem Mahnfinger?

Ja, denn es ist viel wichtiger, die Leute zu befähigen, abwägen zu können. Was ich mir aber wünsche: Dass bei Vorhaben aller Bereiche – sei es Bau, Bildung, Sicherheit – der Präventionsgedanke einfliesst und eine Abschätzung der Gesundheitsverträglichkeit vorgenommen wird.

Eine Gesundheitsverträglichkeitsprüfung analog zur Umweltverträglichkeitsprüfung?

Ja. Andere Kantone kennen das bereits, beispielsweise das Tessin.

Wann sind Verbote unausweichlich?

Kein Pardon kenne ich beim Schutz Jugendlicher. Bei jungen Menschen braucht es klare Leitplanken, beim Rauchen und beim Alkohol. Wenn ich 16 bin, kümmert es mich kaum, ob ich mit 50 möglicherweise Auswirkungen des frühen Konsums spüre. Anders bei Erwachsenen: Ihnen ihr Glas Wein zu verbieten, ist überhaupt nicht meins. Die Menge macht das Gift, das ist überall so.