Geschichtsstunde mit Holzlöffel

Seit dem Gallusjahr 2012 gibt es in St. Gallen kulinarische Führungen mit Wissenswertem und Leckereien aus dem Mittelalter. Sie gehen nun ins vierte Jahr – und sind eine Erfolgsgeschichte. Deshalb werden jetzt neue Führer gesucht.

Beda Hanimann
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«Speisen wie zu Gallus' Zeiten»: Stimmungsbild vom ersten Jahrgang der kulinarischen Stadtführung im Gallusjahr 2012. (Archivbild: Urs Jaudas)

«Speisen wie zu Gallus' Zeiten»: Stimmungsbild vom ersten Jahrgang der kulinarischen Stadtführung im Gallusjahr 2012. (Archivbild: Urs Jaudas)

Das Anforderungsprofil hört sich nicht übel an. Begeisterung für gutes Essen, ein Flair für Geschichte im allgemeinen und die St. Galler Altstadt im besonderen, ausserdem Begabung und Lust, anderen Menschen davon zu erzählen. So steht es in der neuesten «Culinarium-Zeitung», dem Aussand des Fördervereins für regionale Produkte, unter dem Titel «Begeisterte Stadtführer gesucht».

Dass «Culinarium» auf Personalsuche geht, ist Teil einer Erfolgsgeschichte. Und hängt damit zusammen, dass auch die Liebe zu einer Stadt durch den Magen geht – oder dass die Annäherung über den Gaumen angenehmer ist. Oder noch einfacher: Dass Geschichten ums Essen einfach spannend sind. «Wir haben immer mehr Anfragen für unsere kulinarischen Touren, deshalb brauchen wir mehr Führer», sagt Claudia Macht, die sowohl für «Culinarium» wie für St. Gallen-Bodensee Tourismus tätig ist.

Die Wurzeln unserer Ernährung

Stadtführungen, die auch mit Bratwurst, Bier und Biber bekannt machen, gibt es seit mehreren Jahren. Im Gallusjahr 2012 wollte man die Verknüpfung von Geschichte und Essen intensivieren. Unter dem Motto «Speisen wie zu Gallus' Zeiten» entwickelten Gastronomen Gerichte aus Produkten, die es schon damals gegeben hat, dazu wurde Wissenswertes zur Esskultur von einst vermittelt.

«Wir erzählen Geschichte und Geschichten in Verbindung mit Essen und Trinken, auf diese Weise gehen die vier Stunden ziemlich schnell vorbei», sagt Claudia Macht lachend – und ihre eigene Begeisterung ist spürbar. «Die Zusammenhänge zwischen Essen und Krankheiten etwa, die ersten Kochbücher, die ersten Herde, das ist spannend, im Mittelalter liegen die Wurzeln für unsere heutige Ernährung», sagt sie.

Holzlöffel und Vorkoster

Nun gehen die Esstouren auf Gallus' Spuren in die vierte Saison. Der Rahmen wurde ausgeweitet über den Lebens- und Zeitraum von Gallus und das Benediktinerkloster hinaus. Das heisst: Es kommt auch Fleisch auf den Tisch, im «Dufour» zum Beispiel ein Kräuterhuhn mit Honigkruste, im «Bierfalken» Pouletwürfel mit Pilzen und Lauch und im «Walhalla» Pouletbruststreifen an Pilzen. Als Vorspeisen gibt es Brennnesselsuppe oder Brotsuppe mit Kümmel, zum Dessert Honig-Apfelschnitze oder eine Birnenschnitte.

Mittelalterlich ist auch das Ambiente. Die Teilnehmer der Führung bekommen zu Beginn einen Holzlöffel, da es ja noch kein Tischbesteck gab, und vor dem Mahl wird ein Vorkoster bestimmt. «Man konnte früher nicht sicher sein, dass das Essen nicht vergiftet oder verdorben war», sagt Claudia Macht, die die Führungen in mittelalterlicher Kleidung bestreitet – und sich freut, wenn auch die Teilnehmer so gewandet erscheinen. Ausserhalb der Restaurants gibt es Stationen im Kloster, im Paracelsusgässlein oder beim ältesten Spital der Schweiz.

Stickerei und Tischkultur

Neben dem Mittelalter ist auch die jüngere Geschichte Thema einer kulinarischen Führung. Sie nennt sich «Edle Probiererli-Tour» und ist die noblere Variante der übrigen Probiererli-Touren. «Zu einem guten Essen gehört auch ein schön gedeckter Tisch: Das Auge isst mit», sagt Claudia Macht. «So sind wir auf die Verbindung von Gastronomie, Gastfreundschaft und Stickerei gekommen.» Schöne Tischtücher oder gar Geschirr mit Stickereimuster spielen da eine Rolle, aber auch Architektur und Geschichte der Stickereihäuser werden erläutert – und was sie mit der kulinarischen Kultur St. Gallens zu tun haben. «Gastlichkeit umfasst eben nicht nur ein genussvolles Essen und Trinken, sondern auch das Gespür für das Wie beim Servieren und Auftischen. In diesem Sinne lassen Sie sich auf die Symbiose von süssen Probiererli und zarter Stickerei ein», heisst es im Beschrieb der Führung bei St. Gallen-Bodensee Tourismus.

Begeisterung als Voraussetzung

Die Teilnehmergruppen seien kunterbunt, sagt Claudia Macht. Neben Touristen seien regelmässig auch Einheimische dabei, die sich für die Hintergründe von Bratwurst und Biber interessierten. Um das zu vermitteln, braucht es vor allem Begeisterung, so Claudia Macht. «Den Stoff kann man lernen, aber die Begeisterung muss da sein. Ich finde es schade, wenn an Führungen einfach Informationen abgelesen werden», sagt Claudia Macht. Dass das nicht funktioniert, leuchtet beim Essen ganz besonders ein.

Kontakt für Interessenten: macht@culinarium.ch

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