Geschichte mit Schubkraft

Kaum im Amt als Geschichtsprofessor an der HSG hat Caspar Hirschi bereits mit dem Historischen Verein eine Tagung organisiert. Solche Kontakte sind ihm wichtig. Geschichte soll ihren Beitrag leisten im öffentlichen Diskurs.

Josef Osterwalder
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Caspar Hirschi an der HSG, seiner neuen Wirkungsstätte als Geschichtsprofessor. (Bild: Coralie Wenger)

Caspar Hirschi an der HSG, seiner neuen Wirkungsstätte als Geschichtsprofessor. (Bild: Coralie Wenger)

Seine ersten Besuche in St. Gallen galten Ernst Tremp, dem Stiftsbibliothekar, und Cornel Dora, Kantonsbibliothekar und Präsident des Historischen Vereins. Caspar Hirschi, der im August die Professur für Allgemeine Geschichte angetreten hat, sucht bewusst die Verbindung zum Umfeld der Universität, zu Kanton und Stadt. So hat er sich auch den Einführungsvortrag zum Gallussymposium angehört.

Karriere der Experten

Für ihn hat Geschichtswissenschaft allerdings nicht nur einen Orts-, sondern einen Zeitbezug. «Ich wähle Themen, die helfen, Phänomene der Gegenwart zu verstehen.» Im ersten Seminar des eben begonnenen Herbstsemesters hat er den Studierenden seine aktuellen Forschungsschwerpunkte vorgestellt: die historische Karriere der wissenschaftlichen Experten und die Geschichte des Nationalismus. Beide Themen treffen einen Nerv der Zeit.

Was die Experten – vor allem auf dem Feld der Ökonomie – betrifft, haben sie bei den Krisen von 2008 und 2010 zwar einen Reputationsschaden erlitten. Dennoch sind sie es, die in den am stärksten verschuldeten Staaten das Ruder in die Hand genommen haben. Beim Thema Nationalismus kommen unterschiedliche Erfahrungen zusammen. Die Secondos mit ihren «Patchwork-Nationalitäten» sehen hier manches aus anderer Perspektive, und gerade das macht Geschichte spannend.

Nationalismus

Caspar Hirschi ist in Winterthur aufgewachsen. Nach der Matura zog es ihn an die Universität Fribourg, erst zur Philosophie. «Doch bald merkte ich, dass mir die Geschichte die Welt besser erklärt.» Seine Dissertation befasste sich mit dem Nationalismus im Zeitalter von Humanismus und Reformation. Eine These, die hilft, den Nationalismus breiter zu verstehen; nicht bloss als Kind des 19. Jahrhunderts, sondern mit Ursprüngen, die weit in die europäische Geschichte zurückreichen.

In dieser Richtung hat er dann vor allem während seines dreijährigen Aufenthalts an der Universität von Cambridge weitergearbeitet und die Geschichte des Nationalismus von der Antike bis ins 18. Jahrhundert nachgezeichnet. Das Ergebnis legte er kürzlich im Buch «The Origins of Nationalism» vor, das auch als Taschenbuch erschienen ist, um neben den Spezialisten ein breiteres Publikum zu erreichen.

All dies entspricht dem Motto, das auf Caspar Hirschis Homepage steht: «Wer die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten will, muss sich erst mit der Vergangenheit befassen.»

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Caspar Hirschi beschäftigt sich aber nicht nur damit, wie Geschichte aktuell vermittelt werden kann. Er ist auch hochschulpolitisch tätig. Er leitete eine Gruppe, die den Zugang zur wissenschaftlichen Karriere neu konzipiert hat.

Der heutige Werdegang über Doktorat, Habilitation und Privatdozentur lasse Nachwuchsakademiker viel zu lange im Ungewissen, ob sie im Wissenschaftsbetrieb dauerhaft Fuss fassen könnten. Es müsse viel früher, wenige Jahre nach dem Doktorat, die Möglichkeit bestehen, eine existenzsichernde wissenschaftliche Karriere zu beginnen. «Ganz ähnlich, wie ich dies in England kennengelernt habe.» Nur auf diese Weise werde man auch mehr begabte Schweizer für eine wissenschaftliche Laufbahn gewinnen.