Gentleman der Abfallentsorgung

Unrat verhindern kann niemand. Aber Hans Peter Tobler ist es unter anderem gelungen, die Berge von Abfallsäcken aus dem Stadtbild weitgehend zu entfernen. Morgen Freitag geht der Unternehmensleiter von Entsorgung St. Gallen in Pension.

Fredi Kurth
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Bereit zum Abschied: Hans Peter Tobler ist noch bis morgen am neuen Standort von Entsorgung St. Gallen, Blumenbergplatz 3, tätig. (Bild: Luca Linder)

Bereit zum Abschied: Hans Peter Tobler ist noch bis morgen am neuen Standort von Entsorgung St. Gallen, Blumenbergplatz 3, tätig. (Bild: Luca Linder)

20 Jahre lang war Hans Peter Tobler dafür verantwortlich, dass der Abfall der Stadt sauber entfernt wird und das Abwasser gereinigt in den Bodensee oder die Sitter fliesst. Morgen hat der Leiter von Entsorgung St. Gallen seinen letzten Arbeitstag, der für ihn wie für viele andere Menschen beim Übertritt in den Ruhestand eine Zäsur bedeutet. Die Übergabe allerdings erfolgt fliessend und sauber: Nachfolger Marco Sonderegger erhielt seit Anfang August eine umfassende Einführung in seine zukünftige Tätigkeit.

«Eine Pensionierung ist planbar», sagt Tobler. Somit muss er keine Überstunden mehr leisten. Vielmehr kann er sich am Freitagabend bei einem Essen von den Arbeitskollegen verabschieden.

Zurück in den Vorlesungssaal

Bei der Frage, was er am Montag mache, muss Hans Peter Tobler jedoch passen. «Ich bin jetzt noch zu 100 Prozent hier», sagt der 64jährige Unternehmensleiter. Die Vorstellungen, wie er zusammen mit seiner Frau Conny das Leben nach der Arbeit verbringen wird, sind vorerst vage. Immerhin: Der promovierte Biochemiker möchte an einer Universität ungezwungen Vorlesungen in andern Fachgebieten besuchen.

Während die Menschen in der Regel den Abfall rasch los sein möchten, fühlte sich der Berufsmensch Tobler durch den Güsel magisch angezogen. Dabei wirkte er nicht wie ein hemdsärmliger Draufgänger, der den Müll am liebsten eigenhändig aus dem Garten Eden schmeisst. Vielmehr machte er den Eindruck, Manager oder sogar ein Gentleman der Abfallbeseitigung zu sein. «Abfall ist ein Produkt wie jedes andere Handelsprodukt», sagt Tobler. «Die Abwasserreinigung ist ein eminent wichtiger Beitrag zu Hygiene und Volksgesundheit.»

Abfall stinkt nicht

Beim Kehrichtheizkraftwerk im Sittertobel sind Besucher manchmal fast enttäuscht ob der klinischen Atmosphäre. «Abfall stinkt nicht», sagt Tobler. Die hochqualifizierte Technik zur Abfall- und Wasserbehandlung fasziniert und begeistert ihn. Den Anblick des Abfalls den Stadtbewohnern zu ersparen, war ein weiteres, für ihn typisches Anliegen. Unterflurbehälter heisst das Schlüsselwort. Mehr als 200 der 400 vorgesehenen Container sind installiert. Nicht länger sollen die Abfallsäcke am Strassenrand liegen. Vielmehr sollen sie im Untergrund der Stadt verschwinden, bis sie diskret entleert werden. «Der Bürger kann auf diese Art den Abfall jederzeit in maximal 150 Meter Entfernung entsorgen, muss nicht die Termine des Sammeldienstes abwarten», sagt Tobler. Glas, Papier, Sperrgut, Metall und so weiter muss der Konsument heutzutage fein säuberlich trennen. Ist Abfallentsorgung zu kompliziert geworden? «Das jetzige Mass ist zumutbar», sagt Tobler. «Zu viel des Guten wäre, wenn zum Beispiel auch noch Korkzapfen oder Nespresso-Kapseln im Haushalt erfasst werden müssten.»

Motorboot im Wald

Fehlverhalten extremer Art stellen die Abfallexperten anderswo fest: Der Wald wird oft als wilde Deponie missbraucht. Jemand hat dort schon einmal sein Motorboot abgestellt. Das Image der Abfallentsorgung und die Disziplin der Bürger zu verbessern, hatte sich Tobler zum Ziel gesetzt. Zahlreiche Plakataktionen, unter anderem mit Fussballtorhüter Jörg Stiel, dienten diesem Zweck. Der Slogan «Abfall entsorgen mit Sti(e)l» tauchte sogar in ZDF- und ARD-Sportsendungen auf.

In der Medizin würde man Toblers Methode als «ganzheitlich» bezeichnen. Ihm lag nicht nur die technisch einwandfreie Lösung am Herzen, sondern auch der Erhalt der Natur. Das Umfeld der Steinach und der Sitter, wahrnehmbar auf einer Wanderung, aber auch als unberührte Landschaft im Umfeld der Anlagen (vgl. Broschüre «Wanderfluss» von Entsorgung St. Gallen). «Zum Beispiel an der Steinach sieht es teilweise noch aus wie im Urwald», staunt Hans Peter Tobler. Viele Bücher hat er initiiert und dabei Autoren aufgeboten, die im speziellen Fall «mehr wussten als ich». Er liess Josef Osterwalder über Abfall schreiben und den Architekten Marcel Ferrier einen blau eingefärbten Monolithen als Pumpstation Hätterenwald giessen – stets im Budgetrahmen.

Franz Hagmann, Fredy Brunner

Basis für Toblers Entfaltung bildete, wie er sagt, das gute Verhältnis zu seinen Vorgesetzten Franz Hagmann und Fredy Brunner. Beide Stadträte schätzte er sehr. Ist aber die Stadt bei allen guten Ideen auch sauberer geworden? «Manche vergleichen mit früher, als das Ausgehverhalten anders war, oder mit Städten wie in den USA, wo extrem hohe Bussen für Littering bezahlt werden müssen», sagt er. «Die konkrete Frage kann ich nicht beantworten, das überlasse ich gerne anderen», sagt Tobler, erneut ganz Gentleman.