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GEMEINDELEBEN: Idylle in geballter Form: In Häggenschwil ist St.Gallen ganz weit weg

Häggenschwil macht vieles anders. Die Gemeinde ist dafür auf das Wohlwollen der Bürger angewiesen. Sie zelebriert die Gemeinschaft und das Landleben. Und lockt damit junge Familien an.
Noemi Heule
Neuankömmlinge werden in Häggenschwil mit der Kutsche abgeholt. (Bild: Ralph Ribi)

Neuankömmlinge werden in Häggenschwil mit der Kutsche abgeholt. (Bild: Ralph Ribi)

«Hoppla», heisst es im Online-Fahrplan der SBB, «hier fährt nichts». Kein Postauto steuert das Dorf Häggenschwil am Wochenende an. Einfach so verschlägt es denn auch niemanden in den nördlichen Zipfel des Kantons. Wer nach Häggenschwil kommt, der will nach Häggenschwil.

150 Personen wollten in den vergangenen zwei Jahren nach Häggenschwil. 70 von ihnen nahmen am Samstag an der Neuzuzügerfeier teil. Mit dabei auf Schultern, im Kinderwagen oder Tragtuch: Die nächste Generation Dorfbewohner. Denn hierher wollen vor allem junge Eltern. Sie suchen das Familienglück, dort, wo die Welt noch in Ordnung scheint. Wo der Blick über blühende Apfelbäume bis zum Bodensee schweift und der säuerliche Geruch von Gülle in die Nase steigt. Und wer hier Idylle sucht, der wird mit Idylle empfangen. Idylle in geballter Form.

Ein Schwizerörgeli eröffnet die Feier, per Kutsche werden die Neuankömmlinge durch die Gemeinde chauffiert, dazwischen wartet ein Apéro unter Obstbäumen. «Always look at the bright side of life», stimmt das Akkordeonorchester an und zum Schluss schmettern alle das «Häggenschwiler Lied». Alles orchestriert von Gemeindepräsident Hanspeter Eisenring. Damit nicht genug, strahlt an diesem Tag die Sonne, dem Gemeindepräsidenten gleich. Man könnte glatt meinen, in Häggenschwil sei alles eitel Sonnenschein.

Der Markt versagt, die Gemeinde springt ein

Ganz so einfach aber ist es nicht. Nicht nur das Postauto ins Dorf rentiert am Wochenende nicht. Genauso der Dorfladen oder die Beiz. In Häggenschwil, wo auf jeden der 1320 Einwohner rund 700 Quadratmeter Land kommen, versagt der Markt. Während aber das Postauto, hoppla, am Wochenende ausfällt, sind Beiz und Dorfladen noch immer offen. Denn, wenn in Häggenschwil der Markt versagt, springt die Gemeinde ein: Sie hat die Dorfbeiz gekauft und führt den «Ochsen» in Eigenregie, der Laden wird als Genossenschaft weitergeführt. Der grösste Coup aber gelang der Gemeinde mit der Oberstufe, die sie privat weiterführt, nachdem der Kanton deren Schliessung forderte. Vor den Neuzuzügern erinnert Eisenring an die «Pioniertat» im Jahr 2010, als die Häggenschwiler mit Piratenflaggen in St. Gallen einmarschierten.

Der Ruf der Piraten und Pioniere, von der Gemeinde rege gepflegt, ist ihr nicht voraus geeilt. Viele Besucher in den Planwagen wissen nichts davon. Mit der Schule aber, vom Kindergarten bis zur Oberstufe, punktet die Gemeinde bei Familien, sind sich viele Zugezogene einig. Die Rechnung ist aufgegangen: Die Zuzüger inklusive Nachwuchs kommen wegen der Schule. Und die Schule überlebt dank des Nachwuchses.

Die Gemeinde wächst weiter

Überhaupt sind viele der Kinder wegen hier, sagen die Eltern von Amélie, Finn, Timea und Co. Sie loben die «heile Welt», preisen das Dorf als Kinderparadies. Auch das Häuschen, der Garten, das Gemüse, eigenhändig gepflanzt und gepflückt, werden ins Feld geführt. Damit könnte bald Schluss sein, die letzte Einfamilienhausparzelle ist verkauft. Dennoch wächst die Gemeinde weiter, um rund zwei Prozent pro Jahr. Allein Lömmenschwil verdoppelt sich die Zahl der Haushalte innert weniger Jahre. Hier recken sich die Visiere in die Höhe, zwei Mehrfamilienhäuser stehen im Rohbau da.

In Häggenschwil, wo sich bereits die Klostermönche vor den einfallenden Hunnen zurückzogen, suchen ehemalige St. Galler, Wittenbacher oder Arboner ihre Ruhe. Und prallen auf jene Alteingesessenen, die gerne in Ruhe gelassen werden. Nicht alle nämlich sind den neuen Einwohnern, dem Wachstum, wohlgesonnen.

Umso beharrlicher steht die Gemeinde für sie ein. Jeder Zugezogene wird von einem persönlichen Götti begrüsst, jedes Neugeborene vom Präsidenten persönlich willkommen geheissen. Schliesslich ist die Gemeinde darauf angewiesen, dass das Dorf zusammenhält. Nur so kann sie sich weiterhin dem Markt entgegenstellen. Vor den Neuzuzügern beschwört Hanspeter Eisenring denn auch erneut die Solidarität und den Dorfbewohnern.

Die Neo-Häggenschwiler sind sich einig: Die Stadt sei weit entfernt. Und damit meinen sie nicht die 20 Autominuten ins Zentrum. Ohnehin würden sie längst lieber im Hoflädeli denn im Grossverteiler einkaufen. Und überhaupt biete Häggenschwil alles Nötige – aber eben nichts Unnötiges.

Wer kein Auto hat, für den ist St. Gallen tatsächlich weit weg: Nach einem Streit mit der Nachbargemeinde Egnach kam der Bahnhof ausserhalb der Gemeindegrenze zu liegen, zu Fuss 25 Minuten vom Dorfkern entfernt. Zweimal Stunde hält der Zug in Häggenschwil-Winden. Allerdings nur auf Verlangen. Wer nach Häggenschwil kommt, der will eben nach Häggenschwil. Oder er war schon immer da.

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