«Gemeinde kann Einfluss nehmen»

Ein privater oder ein öffentlicher Heimbetrieb? Das ist in Mörschwil die Frage. Eine Antwort darauf liefert Experte Marco Steiner vom Institut für Unternehmensführung der FHS St. Gallen. Er würde den privaten Weg gehen.

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Der Betrieb des Wohn- und Pflegeheims in Mörschwil soll laut dem Experten einer privaten Gruppe überlassen werden. (Bild: Visualisierung: Gähler Architekten AG)

Der Betrieb des Wohn- und Pflegeheims in Mörschwil soll laut dem Experten einer privaten Gruppe überlassen werden. (Bild: Visualisierung: Gähler Architekten AG)

Herr Steiner, Sie befürworten einen privaten Heimbetrieb. Warum?

Marco Steiner: Vor allem aus ökonomischer Sicht erachte ich den privaten Betrieb eines Wohn- und Pflegeheimes als geeigneter. Aufgrund meiner Erfahrungen hat ein privater Heimbetreiber ein umfassenderes ökonomisches Fachwissen als ein Leiter, der von der Gemeinde angestellt wird. Dieser fokussiert zu Recht auf sein Kerngeschäft: die Pflege.

Wirtschaftlich gesehen ist also der private Betrieb vorzuziehen, in pflegerischer Hinsicht der öffentliche.

Steiner: Im Pflegebereich sind etwa beide gleich gut, würde ich sagen.

Spricht denn etwas gegen einen privaten Betrieb?

Steiner: Private Unternehmen sind gewinnorientiert. Was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Sie achten mehr auf die Erträge, aber auch auf die Kosten. Sie haben die Möglichkeit, zentralisiert Material mit entsprechenden Rabatten einzukaufen. Sie verfügen über Spezialisten, die Kennzahlen interpretieren können. Das Know-how für Finanz- und Investitionspläne ist vorhanden. Andererseits ist es der Gemeinde möglich, mehr auf lokale Bedürfnisse einzugehen.

Für einige Mörschwiler ein wichtiges Kriterium.

Steiner: Medikamente werden sowieso auswärts eingekauft. Und die Lebensmittel, die machen den Braten nicht fett. Aber wenn das ein solch wichtiges Kriterium ist, kann es ja auch in der Leistungsvereinbarung zwischen der Gemeinde und dem Privaten festgehalten werden. Dann müsste die Gemeinde allerdings bereit sein, allfällige Mehrkosten zu übernehmen. Mittelfristig könnten auch die Taxen steigen.

Dass die Mörschwiler bevorzugt behandelt werden, könnte das auch Bestandteil der Leistungsvereinbarung sein?

Steiner: Warum nicht? Die Gemeinde kann, darf und soll strategisch Einfluss auf die Geschäftsführung nehmen, sei dies in den Aufnahmebedingungen der Senioren oder in der Höhe der Taxe für Einheimische. Gut wäre es, wenn für eine Leistungsvereinbarung auch Branchenverbände wie Curaviva oder die Pro Senectute beigezogen werden könnten.

Stichwort Taxe: Sie soll sich in Mörschwil zwischen 135 und 145 Franken bewegen. Liegt das im Rahmen?

Steiner: Die gesetzliche Maximalhöhe liegt bei 185 Franken. Ich sage jetzt nicht, 140 Franken sind günstig, aber vermutlich im Rahmen.

Und wahrscheinlich auch genug, um einen Gewinn zu erwirtschaften. Der ja laut den Gegnern des privaten Betriebs unbedingt im Dorf bleiben muss.

Steiner: Das wird bei einer privaten Pflegeheimgruppe nicht der Fall sein. Aber wir sprechen hier ja auch nicht von Millionen. Sondern vielleicht von einigen zehntausend Franken.

Der Mörschwiler Gemeinderat plant eine Zusammenarbeit mit der di Gallo Gruppe. Einige misstrauen ihr. Zu Recht?

Steiner: Ich kenne die di Gallo Gruppe ehrlich gesagt nicht. Darum kann ich auch nicht über ihre Arbeit urteilen.

Sie sehen in der privaten Leitung viele Vorteile, dennoch wird die Mehrheit der Wohn- und Pflegeheime im Kanton durch die öffentliche Hand betrieben. Warum?

Steiner: Weil das üblich war. Und vielerorts auch aus der sozialen Verantwortung der Gemeinden heraus entstanden ist. Vor zehn Jahren waren die Gesundheitskosten tiefer und der administrative Aufwand kleiner. Heute ist es so, dass öffentliche Betreiber mit der Rechnungsführung zweifelsohne an ihre Grenzen stossen. Das zeigt auch eine im Oktober abgeschlossene Studie bei 330 Schweizer Nonprofitorganisationen.

In Mörschwil wird um einen öffentlichen Betrieb gekämpft, in Gaiserwald haben sich die Einwohner erfolgreich für ein Heim an zwei Standorten eingesetzt. Warum ist das Thema Seniorenwohnen so emotional?

Steiner: Es betrifft vor allem Leute im mittleren und fortgeschrittenen Alter. Solche, die in naher Zukunft selbst in einem Heim leben könnten. Die Bereitschaft, Steuergelder für das eigene Wohl auszugeben, ist gross. Kommunale Bedürfnisse gehen so zulasten ökonomischer Bereitschaft. Die Tatsache, dass in Gaiserwald zwei Heime gebaut werden, ist wirtschaftlich gesehen wenig sinnvoll.

Interview: Martina Kaiser

Marco Steiner Professor am Institut für Unternehmensführung (Bild: Quelle)

Marco Steiner Professor am Institut für Unternehmensführung (Bild: Quelle)