Gehen wir einen Film hören

Als ich meine Karte für den Film «Honig im Kopf» reservierte, fragte mich Denise Zellweger vom Kinotheater Madlen, wo ich am liebsten sitzen möchte. Für einmal spielt das keine Rolle, denn mit der Augenbinde, die ich bis zur Pause tragen will, werde ich sowieso nichts sehen.

Seraina Hess
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Die Utensilien, um eine Seh- oder Hörschwäche nachzustellen. (Bild: Seraina Hess)

Die Utensilien, um eine Seh- oder Hörschwäche nachzustellen. (Bild: Seraina Hess)

Als ich meine Karte für den Film «Honig im Kopf» reservierte, fragte mich Denise Zellweger vom Kinotheater Madlen, wo ich am liebsten sitzen möchte. Für einmal spielt das keine Rolle, denn mit der Augenbinde, die ich bis zur Pause tragen will, werde ich sowieso nichts sehen. In der hintersten Parterre-Reihe, mit der Hoffnung, dass mich die Sitznachbarn nicht für komplett verrückt halten, öffne ich während des Vorspanns die erste App.

Die Stimme im Ohr

«Greta» wurde von einer Berliner Firma entwickelt, die unter anderem vom Bundesamt für Kultur unterstützt wird. Ist die kostenlose App erst auf dem Smartphone oder dem Tablet installiert, lässt sie sich ohne Anmeldung starten. Man wählt den gewünschten Film – derzeit stehen 41 bereit – und lädt die Datei. Beginnt der Film auf der Leinwand, hört man zusätzlich zum Ton über einen Kopfhörer im Ohr die Audiodeskription. Obwohl das Smartphone ständig über das Mikrophon synchronisiert, ist der Akkuverbrauch gering.

Konkret heisst das: Ich sehe zwar keine Bilder, bekomme sie dafür zwischen den Dialogen von einer Männerstimme beschrieben. Sie sagt mir, dass ein blondes Mädchen mit ihrem Opa im Zug sitzt. Oder dass ihr Vater einen schmal geschnittenen Anzug trägt und die Familie auf der Veranda beim Brettspiel sitzt. Fast wie ein Hörbuch, nur sind die Dialoge länger und die Beschreibungen knapper. Anfangs bereitete es mir Mühe, nicht genau zu wissen, wie die Veranda und der Garten aussehen oder welches Brettspiel gespielt wird – aber immerhin stelle ich mir solche Details beim Lesen eines Romans meistens auch selbst vor, ohne mich darüber zu ärgern.

«Honig im Kopf» hat in diesem Experiment einen grossen Vorteil: Der Film lebt von den Gesprächen der Protagonisten, nicht von spektakulären Aufnahmen. Wie soll aber ein Actionstreifen funktionieren, wenn Stunts über den Knopf im Ohr nur knapp beschrieben werden und die Dialoge ohnehin nebensächlich sind?

Untertitel auf dem Handy

Noch führt die App nur Dramen, Komödien, Biographien oder Dokumentationen. Hollywoodfilme sind selten, dafür gibt es viele deutsche Produktionen. Dies, weil in Deutschland eine Pflicht für barrierefreies Kino besteht und Produzenten eine Fassung mit Audiodeskription und eine mit Untertiteln herstellen müssen. Internationale Produzenten würden aber freiwillig nachziehen, sagt Maren Vöge, Kommunikationsverantwortliche von «Greta» und «Starks». «Wir bekommen viele emotionale Rückmeldungen von Seh- und Hörbehinderten, weil sie jetzt ins Kino gehen können, wann sie wollen. Bisher liefen nur an speziellen Tagen Filme mit Untertiteln oder Audiokommentar.» Für Kinos, die sich am Projekt beteiligen, sind beide Apps eine Möglichkeit, neue Kunden anzusprechen.

Im Kinotheater Madlen ist inzwischen Pause. Dass Emotionen auch mit Ton allein übertragen werden können, zeigt die Augenbinde, die ein wenig feucht ist. Es ist Zeit für den Wechsel, Gehörschutz statt Schlafmaske, «Starks» statt «Greta». Wieder synchronisiert die App den Ton des Films, diesmal mit dem Untertitel, der auf dem Smartphone-Bildschirm erscheint. Beschreibungen von Personen sind jetzt überflüssig, dafür blendet das Programm in Klammern Begriffe wie «nachdenkliche Popmusik» oder «Rockmusik mit schnellem Rhythmus» ein. Es ist schön, wieder etwas zu sehen – doch auch wenn der Pamir meine Ohren nicht ganz verschliesst und ich immer wieder ein paar Brocken verstehe, berührten mich die Stimmen der Schauspieler im einen Ohr und die Audiokommentare im anderen mehr als die Bilder auf der Leinwand und die Zeilen im Handy. Kommt hinzu, dass die App zwar einwandfrei funktioniert, die Handhabung aber etwas mühsam ist. Einerseits, weil meine Sitznachbarin dauernd ein eingeschaltetes Smartphone neben sich sieht, andererseits, weil ich meinen Blick von der Leinwand zum Bildschirm und wieder zurück schweifen lassen und dabei das iPhone auf Augenhöhe halten muss.

Brille in Sicht

Dies wollen die Entwickler ändern. Eine Brille, die den Untertitel in den Gläsern einblendet, soll bald in die Kinos kommen. Auch das «Madlen» interessiert sich dafür, obwohl Denise Zellweger noch nicht weiss, wie viele Besucher das Angebot nutzen werden. «Es ist schwierig, die Leute zu erreichen, da sie ja bisher nicht im Kino waren.» Die beiden Apps haben auf jeden Fall Potenzial – auch wenn ich nicht die Richtige bin, um darüber zu urteilen. Denn schon beim nächsten Kinobesuch werde ich Augenbinde und Gehörschutz zu Hause lassen und das Smartphone wie gewohnt ausschalten.

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