Gegen Schweizer Fahrende

Mehr als eine Stunde lang debattierten die Gossauer Stadtparlamentarier am Dienstag über den Durchgangsplatz. Mit dem Ergebnis, dass die Jenischen auch hier nicht erwünscht sind.

Angelina Donati
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SP-Fraktionspräsident Florian Kobler argumentierte in seinem Votum für den Durchgangsplatz. Er kennt Schweizer Fahrende persönlich. (Bild: Ralph Ribi)

SP-Fraktionspräsident Florian Kobler argumentierte in seinem Votum für den Durchgangsplatz. Er kennt Schweizer Fahrende persönlich. (Bild: Ralph Ribi)

GOSSAU. Eine Anspannung lag in der Luft, als das Stadtparlament im Fürstenlandsaal tagte. Auch gab es wohl selten so viel Publikum, das die politischen Prozesse live miterleben wollte. Etwa 50 Personen sassen in den Zuschauerreihen. Das Traktandum 3, der geplante Durchgangsplatz für Fahrende, bewegte sichtlich die Gemüter. Als das Parlament mit 18 zu 12 Stimmen das Vorhaben ablehnte, gingen die Emotionen hoch: «Pfui», rief ein Zuschauer. Auch andere Buhrufe waren zu hören und Kopfschütteln auszumachen.

Einseitige Betrachtung

Die Befürworter des Platzes, die SP und die Flig, versuchten während der Debatte mit ihren Argumenten die Parlamentarier umzustimmen. Alle drei Fraktionsmitglieder der SP machten ihre Meinung am Rednerpult öffentlich. Sie appellierten an die Menschlichkeit und sagten, dass Gossau mit einer Annahme des Platzes schweizweit ein Zeichen setzen würde. Fraktionspräsident Florian Kobler erzählte über seine Schwiegermutter, die aus einer Schweizer Fahrenden-Familie stammt. Obwohl die Familie hart arbeitete, die Kinder zur Schule gingen und sie einen geregelten Lebensstil wie andere Schweizer pflegte, wurde sie diskriminiert. «Jenische werden seit jeher ausgegrenzt», sagte Kobler. «Früher hat man ihnen sogar die Kinder weggenommen.» Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb die freiheitsliebende Nation die Schweizer Fahrenden nicht toleriere.

Kobler, der selbst Mitglied in der vorberatenden Kommission war, kreidete seinen Kollegen an, dass sie bei der ersten Besprechung des Projekts nur Gegner zu Wort kommen liessen. «Wie soll man sich da ein neutrales Bild machen können?» Erst bei der zweiten Sitzung habe die fünfköpfige Kommission mit den Erläuterungen des Kantons und eines Betroffenen die andere Sichtweise erhalten. Dem pflichtete VBK-Mitglied Erwin Sutter (Flig) bei. Zuerst sei er vom Standort an der Wehrstrasse nicht überzeugt gewesen. Die Meinung der Flig-Fraktion habe sich geändert, als bekannt wurde, dass die Fahrenden selbst den Platz als ideal erachten.

Problem hin- und herschieben

VBK-Mitglied Reto Mock von der CVP erwähnte, dass der Platz «beinahe verzweifelt gefordert werde». Es gebe aber zu viele Gründe, die dagegen sprechen würden. Wie Mock versicherte, gehe es nicht um die Frage für oder gegen Fahrende, sondern um den Standort. Roland Seiler (SVP), auch VBK-Mitglied, ging in seinem Votum gar noch einen Schritt weiter und mutmasste, dass dem Stadtrat bei einem Scheitern des Projekts «die Angst im Nacken sitzen muss». Dann nämlich stünde er in der Schuld des Kantons. Zudem würden die Fahrenden nicht zu ihrer Lebensweise gezwungen. «Eine moralische Verpflichtung ihnen gegenüber haben wir nicht», sagte Seiler. Der «Fairness halber», wie er sagte, ergänzte er, dass sich Schweizer Fahrende tadellos verhielten, ausländische hingegen nicht.

Mit der Ablehnung des Platzes geht eines der längsten Verfahren zu Ende, die Stadtpräsident Alex Brühwiler in seiner Amtszeit je führte. «Ein Nein ist eine vergebene Chance.» Und damit werde die Tatsache, dass Fahrende Durchgangsplätze benötigen, einfach hin- und hergeschoben. «Viele sind sich nicht bewusst, dass es hier um Schweizer geht», sagte Brühwiler. Der Grundsatz «weniger ich und mehr wir» wäre seiner Meinung nach auch bei diesem Geschäft empfehlenswert gewesen.