GEBURTSHILFE: Neues Leben und schwere Schicksale

In den Räumen der Frauenklinik kommen pro Jahr 1770 Kinder auf die Welt. Und es werden jedes Jahr mehr. Doch gibt es in der Geburtshilfe auch viel Schatten. Nicht alles geht an den Hebammen spurlos vorbei.

Christoph Renn
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Chefhebamme Isabell Ackermann pflegt ein Neugeborenes in der Geburtshilfe des Kantonsspitals St. Gallen. (Bilder: Ralph Ribi)

Chefhebamme Isabell Ackermann pflegt ein Neugeborenes in der Geburtshilfe des Kantonsspitals St. Gallen. (Bilder: Ralph Ribi)

Christoph Renn

christoph.renn

@tagblatt.ch

Männer schlendern aufgeregt durch die Gänge. Junge Mütter schieben Kinderwagen aus den Zimmern. Frische Grosseltern strahlen um die Wette. In der Geburtshilfe im Kantonsspital St. Gallen erblicken über vier Kinder pro Tag das Licht der Welt. Pro Jahr sind es 1770 Geburten. Und es werden immer mehr, wie Chefhebamme Isabell Ackermann weiss. «Bis jetzt sind bereits über 80 Kinder mehr auf die Welt gekommen als zur selben Zeit vor einem Jahr.» Alleine im Juli sind fast 200 Kinder geboren worden.

In der Geburtshilfe erleben viele junge Eltern den schönsten Moment ihres Lebens. Ihre Familie wächst. Mit dabei sind die Hebammen. Dieselben Hebammen sind es aber auch, die bei Fehlgeburten dabei sind, die schwere Schicksale begleiten und direkt erleben. Hochs und Tiefs, die sich an einem Tag abwechseln können. «In der Geburtshilfe ist nicht immer Sonne und Heiterkeit», sagt Ackermann. Es sei täglich ein schmaler Grad zwischen neuem Leben und schweren Schicksalen. Diese Emotionsachterbahn sei es, was den Beruf täglich zu einer grossen Herausforderung mache. Die Hebammen müssten lernen, damit umzugehen, die Schicksale zu verarbeiten. «Das Wichtigste dabei ist, dass wir Menschen bleiben, keine künstliche Professionalität vorspielen.» So sei es in gewissen Situationen wichtiger, Emotionen zu zeigen, als die richtigen Worte zu suchen. Manchmal kullern auch den Fachkräften des Spitals Tränen über die Wangen. «Es geht nicht alles spurlos an uns vorbei.» Deshalb seien ein gutes Team und ein gutes Umfeld für die Hebammen umso wichtiger.

Doch im Arbeitsalltag der 40 Hebammen der Geburtshilfe im Kantonsspital überwiegen die schönen Momente. «Vor allem die Dankbarkeit der Eltern ist unbezahlbar», sagt Ackermann. Und die Eltern sind es auch, welche die witzigen Geschichten schreiben. Da seien die Männer, die ihre Frauen im Gebärsaal anfeuern, als ginge es um die Weltmeisterschaft im Fussball. Da sind die Mütter, die ihren Geliebten das Blut aus den Fingern drücken. Und da ist der BMW-Fahrer: «Auf einmal startete ein Hupkonzert vor der Frauenklinik», erzählt Ackermann. Drei Hebammen seien sofort rausgerannt. Doch das Kind wollte nicht mehr warten. «Es kam im Auto direkt vor der Frauenklinik zur Welt.»

Keine Freizeit für Hebammen

Der Beruf der Hebamme hat sich laut Isabell Ackermann in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. «Früher gab es fast nur Vollbluthebammen.» Sie waren für alle schwangeren Frauen im Dorf oder der Gemeinde zuständig. Freizeit gab es kaum. «Zwar hat die Geburtshilfe im Kantonsspital heute 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr offen, doch die Hebammen arbeiten in drei Schichten.» So gebe es auch Ferien und Freizeit für die Geburtshelferinnen. Und eines habe sich ebenfalls verändert: «Früher hatten Hebammen nur sehr selten eigene Kinder», sagt Ackermann. Viele der Hebammen des Kantonsspitals haben jedoch ihre eigenen Familien gegründet, haben selber Kinder auf die Welt gebracht. Und die Namen dieser Kinder sind es, welche die Wände der Geburtshilfe – grün auf weiss – schmücken.