Gastgeberin für Asylsuchende

Seit Sommer leitet eine Schaffhauserin mit tibetischen Wurzeln das Solidaritätshaus St. Gallen: Die 28jährige Tourismusfachfrau Miriam Furger hat hier ihre «Traumstelle» gefunden, von der sie «nicht glaubte, dass es sie gibt».

Marcel Elsener
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Leitet seit Juli das Solihaus St. Gallen: Miriam Furger aus Stein am Rhein. (Bild: Ralph Ribi)

Leitet seit Juli das Solihaus St. Gallen: Miriam Furger aus Stein am Rhein. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Zehn Jahre alt geworden ist das Solidaritätsnetz Ostschweiz, vier Jahre lang besteht das Solidaritätshaus St. Gallen, das von einem eigenständigen Verein geführt wird. Die regionale Ausstrahlungskraft der Anlaufstelle für Flüchtlinge in St. Fiden zeigten erst gestern erneut die «solidarischen Weihnachten»: Beim Vorheiligabendfest platzt das Solihaus jeweils aus allen Nähten.

Langsam vollzieht sich der Wechsel von der Gründergeneration meist im Pensionsalter hin zu jüngeren Kräften, und ein klares Signal setzt da das neue Gesicht in der Solihaus-Leitung: Auf den 69jährigen Leiter Öcsi Déer, der sich im Juli nach intensiver Aufbauarbeit auf einen Mittelmeer-Segeltörn verabschiedete, folgt die nicht einmal halb so alte Miriam Furger. 28 Jahre jung ist die gross gewachsene Schaffhauserin, die ähnlich wie der Ungarn-Schweizer Déer von einer Flüchtlingsgeschichte in ihrer Familie geprägt ist und in ihrem Fall auch das Aussehen bestimmt: die tibetischen Wurzeln – väterlicherseits, die Mutter ist Schweizerin – sind in ihren Gesichtszügen unverkennbar.

Kleinstadt und Berge

Sonst ist alles an Miriam Furger typisch schweizerisch, wenn man so will. Sicher der Name, Miriam Furger (ja, St. Galler, es gibt ihn auch ohne l und also ohne Bundesratsverbindung), gewiss die Lebensstationen wie Stein am Rhein, Samedan, Arosa und jetzt St. Gallen. Erster erlernter Beruf Kaufmännische Angestellte, Lehre bei einem Notariat in Feuerthalen, später Brotjobs bei Immobilienfirmen. Einige Monate Mexiko, Aufbauhilfe im Strandrestaurant eines Onkels, dann, wegen ihrer Vorliebe für die Berge, eine Saison als Servicefrau in Arosa, wo sie ihre Liebe trifft, einen Koch. Zweitberuf Tourismusfachfrau via Academia Engiadina, zuletzt tätig bei einem Sprachreisenveranstalter in Montreux...

Dass dieser Lebenslauf Miriam Furger nun ins Solidaritätshaus St.Gallen führt, hat nur am Rand mit ihrem tibetischen Vater zu tun. Jedoch wüsste sie kaum von dieser Einrichtung, wenn sie hier nicht 2011 einen Belluna-Themenabend zu Tibet besucht hätte. «So etwas würde ich gern machen», habe sie gedacht. Als sie im vergangenen Frühling die Ausschreibung der Solihausleitung auf der NGO-Stellenbörse Kampajobs sah, zögerte sie deshalb keinen Moment. «Im sozialen Umfeld, abwechslungsreich, spannend, sinnvoll: Ich dachte immer, dass es eine solch erfüllende Stelle gar nicht gibt», sagt sie. «Ich wollte nie nur Geld verdienen und auf den 25. waren.»

Positive Stimmung

Nach einem halben Jahr ist ihre Begeisterung fürs Solihaus nicht vermindert: Sie staune nach wie vor über die positive Stimmung, «da wird sehr viel gelacht obwohl doch viele Leute traumatische Geschichten erlebt haben», meint sie. Erfreulich auch die «Freundschaften über Kulturen hinweg, etwa wenn Eritreer mit Tibetern und mit Afghanen zusammensitzen». Und wohl ebenfalls dem familiären Hausgeist – und ihrer Ausstrahlung als «Powerfrau» – zu verdanken, dass sie als Frau im Haus «noch nie eine schlechte Begegnung hatte». Man glaubt Miriam Furger aufs Wort, dass sie keine Mühe hat, sich durchsetzen zu können. So sehr sie Menschen aller Art liebt, so zahlreich waren in der Gastro-, Reise und Immobilienbranche die Begegnungen mit pointiert Andersdenkenden. Sie diskutiere gern, sagt sie, «als schon immer politisch Linke auch mit Rechten, sofern die ihren Standpunkt halbwegs begründen». In Sachen Fremdenfeindlichkeit sei ihre Geduld aber schnell erschöpft: «Mit gewissen Leuten, die einfach nur Nein sagen zu Ausländern, muss ich nicht lang reden.»

Die Tibet-Schweizerin hat zwar einen «multikulturellen Freundeskreis», Freundinnen mit thailändischen, tamilischen oder indischen Wurzeln, aber sie ist keine Tibet-Politaktivist (wie etwa die Berner Schauspielerin Yangzom Brauen). Sie habe erst nach dem Tod ihres Vaters vor fünf Jahren wieder Verbindung mit dessen Landsleuten aufgenommen, erzählt sie. Ihr Vater kam 1962 als fünfjähriger Waisenbub dank der Hilfsaktion Aeschlimann nach Stein am Rhein und wuchs bei Pflegeltern auf. Er habe ihr und ihren Geschwistern «die tibetische Herkunft nie aufgedrängt».

Gerechtigkeitssinn

Als Aushilfe in der «P'tite Creperie» und Vizepräsidentin des Klingen-Openairs bei der Burg Hohenklingen bleibt sie in ihrem geliebten Heimatstädtchen Stein am Rhein verbunden. St. Gallen hat sie bei einem früheren Jahrespraktikum im Tourismusbüro lieben gelernt – als «Grossstadt mit dem Charme einer Kleinstadt». Im Solihaus fühlte sie sich schon nach den ersten Tagen «am richtigen Platz», schreibt sie im Hausblatt des Solidaritätsnetzes. Als Hausverantwortliche im Treffpunkt für Flüchtlinge kann Miriam Furger ihre vorzüglichen Eigenschaften wirken lassen: «Die fürsorgliche Ader, der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn und die freudvolle Gastgeberin», wie sie sagt, «was man im Tourismus braucht, nur hier in einer anderen Szenerie». Eine bemerkenswerte Parallele zwischen Tourismus und Asylwesen, und eigentlich so typisch schweizerisch wie das Rote Kreuz.

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