Gallus und die Geschichten

Gallus Hufenus (SP) ist für den zurückgetretenen Andreas Bernhardsgrütter ins Stadtparlament nachgerückt. Der 30-Jährige will sich dort unter anderem für die Kleinkunst einsetzen – und hat diesbezüglich auch schon private Pläne.

Peter Brühwiler
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Er will «eine schrägere und eine feinere Stadt»: Gallus Hufenus, seit kurzem im Stadtparlament. (Bild: Urs Jaudas)

Er will «eine schrägere und eine feinere Stadt»: Gallus Hufenus, seit kurzem im Stadtparlament. (Bild: Urs Jaudas)

Er schreibt für Kulturmagazine, arbeitet als freier Mitarbeiter beim Radio FM1, macht fremdsprachige Stadtführungen und ist nebenbei noch Reiseleiter und Dolmetscher. Und Stadtparlamentarier.

Mitte März ist er in die städtische Legislative als zweiter Ersatz auf der SP-Liste nachgerückt – gerade rechtzeitig auf das Gallus-Jubiläum im Jahr 2012 hin, ist man versucht zu sagen. Denn sein Name ist Gallus; Gallus Hufenus. Verkehrt? Egal. Die Blockbuster-Filme mit dem britischen Geheimagenten in der Hauptrolle sind eh nicht sein Gebiet.

Der 30-Jährige fühlt sich von der Kleinkunst angezogen.

Noch kein Hauptdarsteller

Als einer der Hauptdarsteller im Stadtparlament sieht sich Gallus Hufenus nach seiner zweiten Sitzung noch nicht. Bei Themen, die ihm neu seien, nehme er sich das Recht nicht heraus, «gross den Schnabel aufzumachen». Auch wenn er aufgrund seiner Radioerfahrung sicher keine Probleme damit hätte. Eine einfache Anfrage an den Stadtrat hat Hufenus trotzdem schon eingereicht.

Auf die Idee dazu kam er während eines von Glockengeläute untermalten Spazierganges über den Gallusplatz. Die Kirchenglocken trügen zur speziellen Atmosphäre in der Altstadt bei, findet der dort wohnhafte «nicht praktizierende Katholik». Während er den Klängen lauschte, nervte er sich also über den Stadtrat, der die Glocken am Spiser- und Multertor sowie am Waaghaus abends bis morgens abstellen will.

«Doch dann realisierte ich plötzlich, dass ich jetzt ja im Stadtparlament sitze und mich nicht nur aufregen, sondern auch etwas machen kann.»

Am nächsten bei der SP

«Verstummen in St. Gallen die Glocken?», lautet der Titel seiner Einfachen Anfrage. Dies ist nicht unbedingt ein klassisches SP-Anliegen. Aber es ist auch nicht so, dass die Parteiwahl für Gallus Hufenus eine unausweichliche gewesen wäre. «Manchmal muss man sich schubladisieren», sagt er. Mit den Sozialdemokraten habe er die meisten Berührungspunkte, besonders in der Kulturpolitik.

Die CVP ist ihm zu farblos, zu bieder. Die Grünliberalen wären eine Alternative gewesen, «aber für die reise ich vielleicht etwas zu viel».

Vor allem früher zog es ihn oft in die Ferne. Der im Riethüsli aufgewachsene St. Galler lebte schon in Sevilla, Barcelona und Buenos Aires.

Dort, in der Hauptstadt Argentiniens, lernte er die von europäischen Einwanderern importierte Kaffeehaus-Kultur kennen. «In St. Gallen gab es das vor der Stickerei-Krise anfangs des 20.

Jahrhunderts auch», sagte er sich und will jetzt zur Tat schreiten. «Ein Ort für Kleinkunst und für Menschen, die Luftschlösser bauen wollen», schwebt ihm vor. Talks und Lesungen könnten an diesem Ort stattfinden, Bücher und fremdsprachige Zeitungen gelesen und Hörbücher gehört werden. Und natürlich soll auch die Politik nicht zu kurz kommen.

«In Kaffeehäusern wurden Revolutionen angezettelt und beispielsweise die Unabhängigkeit Argentiniens in die Wege geleitet», sagt Gallus Hufenus. Klar: St. Gallen ist nicht Buenos Aires. Aber der Sozialdemokrat arbeitet auch nicht auf eine Revolution hin. Im Stadtparlament sieht er sich als Vertreter von Leuten, «die eine schrägere, eine sexyere und eine feinere Stadt wollen».

Geschichten auf engem Raum

Gallus Hufenus und St. Gallen: Das sei eine Hass-Liebe, sagt er. Einerseits fühle er sich hier verwurzelt, andererseits ziehe es ihn in die Grossstädte, «wo viele Geschichten auf engem Raum aufeinanderprallen». Künftig kann er dieses Phänomen allerdings auch einmal pro Monat im Stadtparlament beobachten. «Es ist schon interessant, alle diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Geschichten in einem Raum zu erleben», konstatiert er nach der zweiten Sitzung.

Der weitere Verlauf seiner eigenen Geschichte ist vor allem eines: offen. «Vielleicht werde ich Stadtpräsident, vielleicht gehe ich zurück nach Barcelona, vielleicht mache ich ein Architekturpraktikum», zählt Gallus Hufenus auf. Und vielleicht stellt er sich 2012 wieder zur Wahl für das Stadtparlament. Muss er ja fast, im Jahr des Gallus-Jubiläums, ist man versucht zu sagen.