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Gab es Missbrauch oder nicht?

Missbrauchsvorwurf gegen einen ehemaligen Lehrer im Kloster Fischingen: Der Anwalt des Opfers fordert eine unabhängige Ombudsstelle, die den Fall untersuchen soll. Andere Ehemalige setzen sich für den beschuldigten Pater ein und schicken einen Bericht an die Bischofskonferenz.
Ida Sandl
Walter Nowak klagt über die Lehrer im Kloster Fischingen. (Bild: Nana do Carmo)

Walter Nowak klagt über die Lehrer im Kloster Fischingen. (Bild: Nana do Carmo)

Es ist der gleiche Lehrer, es sind zum Teil sogar die gleichen Schuljahre – doch die Erinnerungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Für den Österreicher Walter Nowak war der Benediktinermönch Pater St. ein Sadist, der ihn gequält, missbraucht und sein Leben zerstört hat. Für den Gymnasial- und Berufsschullehrer Martin Borer aus Uster ist Pater St. ein begnadeter Pädagoge, geduldig, selbst schwierigen Schülern gegenüber.

Die verlorene Ehre

Walter Nowak will späte Genugtuung für das, was ihm angetan worden sei. Martin Borer will den Pater, den er sehr schätzt, die verlorene Ehre zurückgeben. Er handle aus eigenem Antrieb, stellt Borer klar. Er sei entrüstet gewesen, als er im «Tages-Anzeiger» Nowaks Vorwürfe las. «Das ist Rufmord», sagt Borer. Pater St. bestreitet die Anschuldigungen.

Elf weitere Ehemalige hat Borer ausfindig gemacht, die Pater St. als «integre Persönlichkeit» beschreiben, die weder Schüler gequält noch missbraucht habe. Darunter eine ehemalige Französischlehrerin. Sie habe die Vorwürfe als «absurd» abgetan.

Borer hat jetzt einen Bericht an die Adresse der Schweizer Bischofskonferenz, der österreichischen Opferschutz-Stellen und der Klöster Fischingen und Engelberg verfasst, in dem er Nowaks Darstellung zu widerlegen versucht.

Nicht nur Mönche

Das Internat sei keine hermetisch abgeriegelte Welt gewesen, in der die Mönche eine Schreckensherrschaft hätten aufbauen können. Zwischen 1962 und 1972 hätten auch weltliche Lehrer und Angestellte wie Schreiner oder Küchenpersonal im Kloster gelebt. «Ihnen wäre doch nicht entgangen, wenn eine Gruppe von Schülern im Winter nackt im Klosterhof hätte auf und ab spazieren müssen», sagt Borer.

Auch sexuelle Übergriffe wären den pubertierenden und am Thema Sexualität besonders interessierten Jugendlichen nicht verborgen geblieben. Es hätte zumindest Gerüchte geben müssen, glaubt Borer. «Mit Sicherheit wäre es ein Thema in der Schule gewesen.»

Borer will die Berichte der Ehemaligen noch genauer auswerten. Einige hätten sich bereit erklärt, im Falle einer Verleumdungsklage als Zeugen auszusagen.

Anwalt ist völlig überzeugt

Auch Walter Nowak denkt über rechtliche Schritte nach. Der Zürcher Anwalt Philip Stolkin hat seinen Fall übernommen. Er ist Experte für Haftpflicht und Versicherungen und hat bereits mehrere Beschwerden bei der Europäischen Kommission für Menschenrechte eingereicht.

Nachdem er Nowak persönlich getroffen hat, ist Stolkin vollkommen überzeugt, dass sein Mandant die Wahrheit sagt. Er verspricht: «Ich werde mich für ihn einsetzen.»

Stimme aus der Region

Bei ihm hätten sich noch zwei frühere Klosterschüler gemeldet, die Nowaks Aussagen bestätigten, sagt Stolkin. Es gebe auch einen Brief, darin steht: Im Dorf habe man gewusst, dass es den Klosterschülern nicht gut gehe.

Dass zwölf Ehemalige Pater St. einen guten Leumund ausstellen, beweist für Stolkin noch gar nichts. «Einen Mörder misst man schliesslich auch nicht an den Menschen, die er gut behandelt hat.» Der Anwalt ist überzeugt, Menschen, die andere quälen oder missbrauchen, würden sich stets die Schwächsten als Opfer aussuchen. Borer hat nachgeforscht und herausgefunden, dass Pater St. nur zwei Jahre der Lehrer von Walter Nowak gewesen sein könne und nur ein Jahr Leiter der Internatsgruppe von Nowak. Auch das heisst nichts, meint Stolkin. «Ein Jahr kann reichen, um einen Menschen zu zerstören.» Stolkin möchte erreichen, dass der Fall von Walter Nowak oder besser noch die ganze Kinderheim-Zeit in Fischingen von einer Ombudsstelle untersucht wird. «Es muss sich dabei um eine von der Kirche unabhängige Stelle handeln.»

Worte alleine reichen nicht

Dass sein Mandant finanziell entschädigt werden soll, steht für Stolkin ausser Frage: «Wer derart gequält wird, dass danach sein Leben ruiniert ist, kann nicht mit einem Händedruck und ein paar warmen Worten abgefunden werden». Stolkin denkt an einen Fonds, gemeinsam geäufnet vom Verein St. Iddazell, der katholischen Kirche Schweiz und dem Kanton als Aufsichtsbehörde.

Sammeln und Sichten

Der Vorstand des Vereins St. Iddazell, des Trägervereins des Klosters Fischingen, trifft sich Anfang September. Dann werde man die Situation analysieren und über das weitere Vorgehen entscheiden, sagt Werner Ibig, der Direktor des Vereins St. Iddazell. Bis dahin sammle und sichte er die Briefe und Anrufe ehemaliger Schüler. Es hätten sich bei ihm nur Ehemalige gemeldet, die ein positives Bild von Pater St. zeichnen, sagt Ibig.

Zum Teil sind es die gleichen Schüler, die auch die Stellungnahme an die Schweizer Bischofskonferenz unterschrieben haben.

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