Fussballstadt ohne Meisterpokal

ST.GALLEN. 1904, 1915, 2000. Die drei Zahlen haben in St. Galler Ohren einen besonderen Klang. In diesen drei Jahren brachten städtische Fussballclubs den Schweizer Meisterpokal nach St. Gallen. 1915 war es der SC Brühl (damals noch als F. C. Brühl), 1904 und 2000 der FC St. Gallen.

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Prunkstück des SC Brühl: Die Zinnkanne für den 1.-Liga-Titel 2011 steht im Schaufenster von Bro Records an der Rorschacher Strasse. Der Meisterpokal von 1915 steht bei YB, die Urkunde ist verbrannt. (Bilder: Ralf Streule)

Prunkstück des SC Brühl: Die Zinnkanne für den 1.-Liga-Titel 2011 steht im Schaufenster von Bro Records an der Rorschacher Strasse. Der Meisterpokal von 1915 steht bei YB, die Urkunde ist verbrannt. (Bilder: Ralf Streule)

1904, 1915, 2000. Die drei Zahlen haben in St. Galler Ohren einen besonderen Klang. In diesen drei Jahren brachten städtische Fussballclubs den Schweizer Meisterpokal nach St. Gallen. 1915 war es der SC Brühl (damals noch als F. C. Brühl), 1904 und 2000 der FC St. Gallen. Geblieben sind Fotos, Erinnerungen – aber keine Pokale, wie eine Spurensuche bei den beiden Vereinen zeigt. In den Trophäensammlungen der Clubs schimmern nur kleine Pokale – die Meisterpokale glänzen durch Abwesenheit.

Immerhin eine Zinnkanne

«Unser Meisterpokal von 1915 liegt bei den Young Boys», sagt Richi Zöllig, Geschäftsführer des SC Brühl. Der Wanderpokal wurde immer am Ende der Saison an den neuen Meister weitergereicht. Nur wer dreimal hintereinander die Meisterschaft gewann, durfte den Pokal behalten – YB gelang dies Ende der 1950er-Jahre, sogar mit vier Titeln in Folge. Dem SC Brühl blieb eine Meisterurkunde, immerhin bis 1958: Damals brannte die Haupttribüne des Krontalstadions nieder, mit ihr das historische Dokument. Was einzig übrigblieb, sind Fotos der Urkunde, wie Zöllig sagt.

So bleibt dem Club als wichtigste Trophäe eine Zinnkanne: Er erhielt sie vor einem Jahr mit dem 1.-Liga-Meistertitel und dem Aufstieg. Die Kanne steht nicht etwa im Clublokal im Paul-Grüninger-Stadion, sondern bei «Bro Records» an der Rorschacher Strasse. Neben Wimpeln und einem Schal ist die Zinnauszeichnung im Schaufenster ausgestellt. Eine dicke Freundschaft verbinde sie mit dem SC Brühl, sagen Alex Spirig und Sascha Baldauf von Bro Records. Und auch der Club freue sich, die Kanne im Traditions-laden präsentieren zu können, sagt Zöllig. «Der Club gehört ins Quartier, das wollen wir mit dem Pokal im Laden unterstreichen.»

Trophäen von kleineren Turnieren sind in der Garderobe der Mannschaft oder im Clublokal zu finden. Pokale von Juniorenturnieren dürfen die Nachwuchstschutter abwechselnd bei sich zu Hause aufbewahren.

Die Trophäen-Sammlung des FC St. Gallen im Clubmuseum unterhalb der AFG Arena ist etwas ausgedehnter – doch auch hier fehlen die wichtigsten Kübel: die Meisterpokale. Sie sind ebenfalls an nachfolgende Meister gegangen. Bedauerlicherweise gebe es auch kein Duplikat, sagt Werner Zünd, langjähriger Assistenz-Coach und einer der wenigen verbliebenen Vereinsmitarbeiter, die beim Meistertitel 2000 dabei waren. «Eine Nachbildung hätte Tausende Franken gekostet», sagt er bei einer Führung durch die Trophäensammlung. Prunkstück ist darum ein anderes Duplikat: Die kleine Nachbildung des Cupsieger-Pokals von 1969. Champagner sei daraus nie getrunken worden, sagt Zünd. «Vielleicht hätten wir uns einen Schluck gegönnt, hätten wir am Mittwoch Winterthur geschlagen», witzelt er.

Der eingesperrte Siegerpokal

Der grösste Pokal im Besitz des FCSG aber ist ein anderer: 1998 gewann der Club die damals offiziell durchgeführte Schweizer Hallenmeisterschaft. Überraschenderweise steht der Pokal nicht im Museum, sondern zuhinterst in einem Archiv, von Bananenschachteln und Ordnern verdeckt in einem Glaskasten. «Wir finden den Schlüssel für den Kasten nicht mehr», sagt Zünd. Der Pokal habe darum im Glasmöbel in die AFG Arena transportiert werden müssen. Irgendwann werde man ihn «rausholen» und ebenfalls ins Museum stellen, sagt Zünd. «Hallenmeister» klingt offensichtlich nicht ganz so schön wie Meister. Ralf Streule

Prunkstück des FCSG: Das Miniatur-Duplikat des Cupsieger-Pokals von 1969 im Clubmuseum. Das Original wanderte weiter – wie auch die Meisterpokale.

Prunkstück des FCSG: Das Miniatur-Duplikat des Cupsieger-Pokals von 1969 im Clubmuseum. Das Original wanderte weiter – wie auch die Meisterpokale.