Für Textiler ein Identitäts-Bekenntnis

Der Kanton hat eine Anzeige gegen den Stadtrat in Zusammenhang mit der Neugestaltung des Bahnhofplatzes und des Lämmlerbrunnens abgewiesen. Für Max R. Hungerbühler, Ehrenpräsident Textilverband Schweiz, ist das ein Bekenntnis zur Identität.

Daniel Wirth
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Max R. Hungerbühler Ehrenpräsident Textilverband Schweiz (Bild: pd)

Max R. Hungerbühler Ehrenpräsident Textilverband Schweiz (Bild: pd)

Herr Hungerbühler, Sie sind stets in der vordersten Reihe für den Erhalt des Lämmlerbrunnens eingestanden. Sind Sie jetzt zufrieden?

Max R. Hungerbühler: Der Lämmlerbrunnen wird wieder an seinen angestammten Ort auf dem Kornhausplatz zurückkehren, für den er geschaffen wurde. Mit Abweisung der Beschwerde eines Bürgers unterstützt das Departement des Inneren den Beschluss des Stadtrats, den ursprünglichen Bahnhofplatz-Entwurf in dem Sinn zu optimieren.

Bedeutet der Entscheid für Sie als Ehrenpräsident des Textilverbandes Schweiz ein Identitäts-Bekenntnis?

Hungerbühler: Dieser Entscheid ist in mehrfacher Hinsicht begrüssenswert. Zum einen bedeutet Gestaltung immer auch Botschaft, womit das Bekenntnis zu St. Gallen als Textilstadt bekräftigt wird, anstatt in austauschbare Bedeutungslosigkeit abzudriften. Gewahrt bleibt damit auch das Werk eines namhaften Ostschweizer Künstlers, im Gegensatz zu einem bereits heute altmodisch-überkommen wirkenden Dekorations-Gag.

Beschwerdeführer Roman Weibel akzeptiert den Entscheid der Aufsichtsbehörde, sagt aber, er entspreche nicht seinem Rechtsempfinden.

Hungerbühler: Der Stadtrat tut das, was ihm vom Rekurrenten abgesprochen wird: Er übernimmt Verantwortung gegenüber den Bürgern. Die Erstellung der einst vorgesehenen Wasserrinne schlüge mit beachtlichen Kosten zu Buche, während man zugleich investieren müsste, um Köbi Lämmlers Skulptur andernorts zu versorgen, wenn nicht gar zu entsorgen.

Es geht Ihnen also nicht nur um Identität, sondern auch ums Geld?

Hungerbühler: Insbesondere im Unterhalt der profanen Rinne würden wiederkehrend erheblich höhere Summen als angenommen versickern, wogegen sich die auch bei abgeschalteter Bewässerung im Winter sehenswerte Bronzeskulptur «Textil» als deutlich wartungsfreundlicher erweist. Allein dieser Umstand sollte angesichts der chronischen Knappheit der Finanzen zu denken geben.

Der Beschwerdeführer hatte seine Anzeige damit begründet, der Stadtrat setzte sich mit seinem Entscheid für den Lämmlerbrunnen und gegen das Wasserspiel über den Willen des Parlaments und der Stimmbürger hinweg. Was sagen Sie zu diesem Argument?

Hungerbühler: Der Vorwurf des Beschwerdeführers einer Hinwegsetzung des Stadtrats über den Bürgerwillen hinkt ganz konkret mit Blick auf die 2013 im Vorfeld der Abstimmung geführten Kommunikation. In einer öffentlichen Erklärung noch vor dem Urnengang warb Stadträtin Patrizia Adam als Vorsteherin der Direktion Bau und Planung bekanntlich für die Akzeptanz des Projekts: Es gelte, über einen Gesamtrahmen abzustimmen, man möge tolerant sein gegenüber Detailfragen, denn solche könnten auch im Nachhinein noch modifiziert werden.

Demnach ist der Lämmlerbrunnen aber kein Symbol für die Textilindustrie der Stadt, sondern lediglich ein Detail des Bahnhofplatzes?

Hungerbühler: Letztlich betrifft die Entscheidung weit mehr als nur den Verbleib des Lämmlerbrunnens, nämlich die Frage, mit welcher Haltung sich St. Gallen positionieren möchte. Deshalb ist den politischen Verantwortlichen von Stadt und Kanton St. Gallen für ihren Weitblick im Namen der vereinigten St. Galler Textilunternehmer ausdrücklich zu danken. In Zeiten des um sich greifenden, klein dimensionierten Nivellierungsdenkens haben sie ein Zeichen für die Identität und Einzigartigkeit unserer Stadt gesetzt.